Krimms Weintipp: 2008 Aglianico del Taburno Riserva, Vigna Cataratte, Fontanavecchia

Der Falerner aus der Campagna galt bei den Römern als edelster Wein. Einer in Pompeji erhaltenen Preistafel ist zu entnehmen, dass er mindestens viermal so viel kostete wie die damals üblichen Gewächse. Da er auch als Rotwein angeboten wurde, hat für seine Herstellung wohl auch die Aglianico-Rebe Verwendung gefunden. Sie wurde, darauf verweist der ursprüngliche Name «Elleniko», von den griechischen Kolonisatoren ins Land gebracht.

Libero Rillo, nebenberuflich Präsident des regionalen Consorzio, hat sich zusammen mit seinem Vater Orazio der Wiedergeburt des Sannio, der hügeligen Kernregion der weinbaulichen Campagna, verschrieben. Auf seinem Weingut Fontanavecchia bei Torrecuso, etwa 75 km nordöstlich von Neapel, pflegt er den Aglianico mit ganz besonderer Sorgfalt. Rillos Liebe gilt nämlich den «alten» Sorten und er ist sich sicher, dass diese Rebe, wenn man sie richtig behandelt, zusammen mit dem Sangiovese, dem Nebbiolo, dem Sagrantino und den Grundsorten des Amarone, einen Platz in der Spitzengruppe der italienischen Rotweine beanspruchen darf.

Was Rillo damit meint, zeigt er mit seinem Aglianico del Taburno. Wenn man den Wiederaufstieg der Region zu altem Ruhm propagiert, muss man auch selbst zeigen, was damit gemeint ist. Sein 150 Jahre altes Gut liegt auf 300 m Höhe im Hang zwischen dem Monte Taburno und dem Flüsschen Calore. Die teilweise mergeligen Ton-Kalk-Böden sind gut drainiert, das Klima ist trocken und die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind so deutlich, dass der dichtbeerige Aglianico erst Mitte Oktober bis Anfang November reif wird und dabei ein intensives Aromaspektrum entwickelt.

Schonend in kleine Behälter gelesen und in meist gebrauchten Barriques ausgebaut, kann die alte, eigenwillige Sorte ihre Stärken zeigen: Kraft, intensive, fleischige Frucht, dichte, bei Rillo behutsam gezähmte Tannine, und bei aller Südländigkeit doch große Komplexität. Kein Wunder, dass ein Sommelier der allerersten Reihe wie Rakshan Zhouleh Bordeaux-Liebhabern schon die etwas kühler eingeschenkte Basis-Version für Sommerabende als echte Alternative empfiehlt. Aber ein Wein dieser Eigenständigkeit und Klasse kann auch im Herbst und im Winter eine Rinderlende, eine fein mit Knoblauch und Rosmarin abgeschmeckte Lammschulter oder einen kräftig gewürzten Schmortopf bestens begleiten. Und den Vigna Cataratte, eines von Rillos Meisterstücken, kann man getrost auch als «vin de méditation» in aller Ruhe ganz alleine oder mit einer guten Zigarre genießen.

Verkostungsnotiz

2008 Aglianico del Taburno Riserva, Vigna Cataratte, Fontanavecchia (Torrecuso): Nase geprägt von reifen Waldbeeren, zerriebenen Blättern und Kräutern, darunter ein Hauch Erde, Graphit und Leder. Am Gaumen lebhaft und elegant mit Noten von reifen Waldbeeren, anregenden Preiselbeer-Spitzen im Kontrast mit etwas Schwarzkirsche und leisen Amarena-Anklängen, feinbittere, präsente Tannine, nur ein winziger Hauch von bestens integriertem Holz, schöner Körper, beeindruckende Verbindung von Straffheit, Eleganz und kühler Mineralität, sehr langer Nachhall. Ein Wein mit Charakter und Perspektive!
18/20 –2022

Text und Foto: Dr. Stefan Krimm


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