Weissweinlegenden: Schloss Johannisberg

Schloss Johannisberg im Rheingau ist nicht nur eines der ältesten deutschen Weingüter, sondern auch eines der berühmtesten und der dazugehörige Weinberg einer der bekanntesten der Welt. «Mon Dieu!», soll Heinrich Heine ausgerufen haben. «Wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte – der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall

Der romantische Dichter war nicht der erste und schon gar nicht der einzige prominente Fan. Zahlreiche namhafte Zecher  – Potentaten, Politiker, Poeten – taten sich an ihm gütlich: James Fenimore Cooper – der Autor des «Lederstrumpf» – beschreibt die Johannisberger Weine 1832 in seinen Reisenotizen genauso wie der weinselige Dichterfürst und Minister Johann Wolfgang von Goethe. Wilhelm II. trank ihn aus dem kristallenen Pokal zusammen mit dem greisen Feldmarschall Moltke im Bremer Ratskeller, und im «Tagebuch von Helgoland» (1838) des Schriftstellers Ludolf Wienbarg, der zum Freundeskreis Heines zählte, findet sich folgender poetischer Vergleich: «Aber die Luft war golden, frisch und feurig wie Rüdesheimer und Johannisberger, kühlend zugleich und erhitzend, herzberauschend, geistvernüchternd, und ich trank sie ein mit vollen Zügen …»

In einem langen Brief an seine Freunde Rutledge und Shippen erteilt Thomas Jefferson, der spätere Präsident der Vereinigten Staaten, 1788 nach einer Rheinreise folgenden Ratschlag: «Unterbrecht Eure Reise in Rüdesheim und am Kloster Johannisberg, um dort die Weinberge und Weine zu prüfen, Letzterer ist der beste, der am Rhein hergestellt wird, er ist unvergleichlich und kostet etwa so viel wie der älteste Hochheimer. Der Jahrgang 1775 ist der beste …».

Das war die Zeit, als Johannisberg unter den Äbten und Fürstbischöfen von Fulda seine Blutzeit erlebte, der Riesling eingeführt wurde (1719 bis 1803), jene Rebsorte, die so stark mit dem Johannisberg identifiziert wird, dass in vielen Teilen der Welt (vor allem in Kalifornien und Südafrika) Riesling lange Zeit auch mit dem Doppelnamen Johannisberg-Riesling bezeichnet wurde. Von Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Weingeschichte gemacht: Um 1750 wurden hier bereits vereinzelt und ab 1775 alle Jahrgänge auf Flaschen gefüllt. Seit jenem Jahr liegen genaue Abfülllisten vor, aus denen Herkunft und Preis der Flaschen sowie die Füllmenge hervorgehen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lernten die Mönche selektiv zu lesen und so Spätlesen und Auslesen zu gewinnen. 1858 wurde auf dem Johannisberg der erste bekannte Eiswein der Geschichte geerntet.

Für Johann Serviere war die Methode der Spätlese 1816 bereits allgemeines Weinwissen. Aber er stellt es in seinem Buch «Der theoretische und praktische Kellermeister» dennoch als eine Ausnahmeerscheinung dar: «Zwei Punkte sind es, die den Wert der Rheinweise bestimmen: Jahrgang und Gewächse. Es gibt z. B. Hochheimer, die zwar von gleichem Jahrgang sind, wo ein Stück Most im Herbste für 300T verkauft wird, während ein anderes 1000T kostet; eine gleiche Bewandniss hat es auch mit dem Rüdesheimer; und ein grosser Unterschied ist zwischen dem Wein von Schloss oder Ort Johannisberg … Der Wein vom Schloss Johannisberg ist der konzentrierteste und aromatischste von allen Rheinweinen, dies rührt hauptsächlich daher, weil man da selbst die Trauben länger als im übrigen Rheingau am Stocke hängen lässt.»

Die Domänenverwalter der Fürsten von Metternich, denen Johannisberg nach der Säkularisierung und dem Sieg über Napoleon auf dem Wiener Kongress zugesprochen wurde, gingen sehr pfleglich mit dem Erbe der Benediktiner um und steigerten systematisch Qualität und Ruf der Weine. Joh. Baptist Sturm in seinem Buch über den Rheinwein (1882): «Johannisberg, Steinberg, Rauenthal, Hochheim, Rüdesheim und Marcobrunn sind die gekrönten und anerkannten Edelweine … Geruch und Geschmack, würzhafte Süsse. Consistenz und Stärke gleichen sich in grösster Übereinstimmung bei dem Johannisberger aus. Durchschnittlich produziert Schloss Johannisberg nur 30 Stück im Jahr … Die besten Edelsorten des Schlosses Johannisberg werden von dem Besitzer zu eigenem Gebrauch und zum Zwecke auserlesener Geschenke an befreundete Höfe reserviert. Minder edle Sorten, nicht ausgesprochene Cabinetsweine, wie auch diese selber, werden auf öffentlichen Auktionen versteigert.»

Welch ein Glück für die Weintrinker unserer Tage, dass sie in einer weniger feudalen Zeit leben und man die edlen Johannisberger zwar nicht überall, aber so doch in guten Weinhandlungen und von allem in guten Restaurants bekommen kann. Inzwischen befindet sich die Fürst-von-Metternich-Winneburg’sche Domäne über die Henkell & Co. Gruppe im Besitz der Industriellenfamilie Oetker.

Auch wenn Schloss Johannisberg das Weingut mit der längsten Spätlese-Erfahrung ist und seinen Ruf auf süssen Weinen basiert, musste es sich Ende des 20. Jahrhunderts dem Zeitgeschmack beugen. Und so gibt es seit 1985 auch eine trockene Version des Schloss Johannisbergers, seit einigen Jahren auch als Grosses Gewächs nach den Regeln der VDP. Da Lage und Ortsname identisch sind, dürfen die Weine als «Schloss Johannisberg“ ohne Ortszusatz ähnlich einem Château in Bordeaux vermarktet werden. Eine Ausnahme, die das Weingesetz für solche Fälle zulässt. Die 35 Hektar der Domäne sind vollarrondiert und zu 100 Prozent mit Riesling bestockt.

Und genau hier liegt in meinen Augen das Problem. In Frankreich würde man in einem vergleichbaren Betrieb einen Grand Vin produzieren, dazu einen Zweitwein und schliesslich einen Appellationswein. Also beispielsweise: Schloss Johannisberg Erstes Gewächs , «Prince de J.» und Rheingauer, alle drei ohne den Zusatz Riesling. Stattdessen produziert Schloss Johannisberg in einem Jahrgang wie 2012 sieben Weine unterschiedlicher Qualitätsstufen und Geschmacksrichtungen gegliedert nach der traditionellen hauseigenen Klassifizierung mit bunten Lackkapseln. Die Weine zeigen sehr unterschiedliche Interpretationen des Terroirs von Johannisberg. Und so stellt sich die Frage: Was repräsentiert den Namen am besten, welcher Wein ist das Flaggschiff? Für mich ohne Frage die Spätlese, das Grosse Gewächs dagegen nicht. Die Zahlen der abgefüllten Flaschen bestätigen das: Von der Spätlese gibt es 30.000 Flaschen, vom Grossen Gewächs nur 15.000 Flaschen.

 

Verkostungsnotizen

ww_punktetabelle2012 Schloss Johannisberger Riesling Gelblack trocken: Helles Strohgelb. Verhaltene Nase, wenig frische Steinobst-Frucht, eher etwas würzig angelegt mit feinen Kräuternoten. Am Gaumen sehr fein und elegant, etwas Zitrus. Mittlerer Abgang. Ein leichter, frischer und eher jung zu trinkender Riesling.
15+/20 –2017

2012 Schloss Johannisberger Riesling Gelblack feinherb: Sehr blasses Strohgelb. Sehr reduktive Farbe. Kaum Bukett, etwas Aprikose. Am Gaumen eine schmeckbare kleine Restsüsse, die dem Wein einen gewissen Charme und Schmelz verleiht, ihn aber auch etwas glatt und harmlos wirken lässt.
15/20 –2018

2012 Schloss Johannisberger Riesling Rotlack Kabinett trocken: Helles Strohgelb. Feines Bukett mit etwas Kräuterduft, mineralische Note. Feine Gewürzaromen. Am Gaumen saftig, frisch, zwar schlank, aber auch stoffig, extraktreich. Hat etwas Petrol und Feuerstein am Gaumen. Das ist extrem süffig und vergnüglich. Guter Abgang.
16+/20 –2020

2012 Schloss Johannisberger Riesling Rotlack Kabinett feinherb: Helles Strohgelb. Nase etwas fruchtig, etwas mehr Steinobstduft als die trockene Version. Am Gaumen ist es ein Wein mit Schmelz, sehr angenehm und geschmeidig, deutliche Restsüsse. Mit Aprikosensüsse, die mir persönlich nicht gefällt, die aber manche immer noch für den Inbegriff dieses Weintypus halten.
16/20 –2020

2012 Schloss Johannisberger Riesling Silberlack Grosses Gewächs: Strohgelb. Verhaltene Nase mit reifer Würze und heller Frucht. Am Gaumen mineralisch-erdig, hat durchaus etwas Bodenhaftung. Nach hinten ist der Wein aber dann recht kurz. Erstmals verkostet bei der VDP-Präsentation Grosse Gewächse 2013 in Wiesbaden. Eine Nachverkostung im Februar 2014 brachte aber auch keinen wesentlich anderen Befund. Eine offenere Nase, vielleicht mit etwas Ananas. Wirkte am Gaumen auch etwas dichter und länger. Nach wie vor auch erdige, mineralische Nuancen. kleine Bitterkräuternoten von Lorbeer und Wacholder, aber auch eine schmeckbare Restsüsse. Von einem solchen Flaggschiffwein hatte ich mir mehr erwartet: mehr Struktur, mehr Komplexität.
16+/20 –2025

2012 Schloss Johannisberger Riesling Grünlack Spätlese Helles Strohgelb. Nase sehr verhalten, feine Steinobstfrucht. schöne muskatige Würze, ein Hauch von Feuerstein. Am Gaumen elegant, schöne saftige Frucht, gute Säure. Schmelz. Gute Balance zwischen Säure und Süsse, eine ziemlich ideale Rheingauer Spätlese. Das hat Finesse und Potenzial. Komplexe Frucht: süsse Aprikose, auch etwas reife Grapefruit, Blutorange und Ananas. Sehr langer Abgang. Mein subjektiver Eindruck: Dieser Wein enthält das beste Lesegut dieses Jahrgangs. Für mich das wahre Flaggschiff des Jahrgangs.
18/20 –2040

2012 Schloss Johannisberger Riesling Rosalack Auslese: Strohgelb. In der Nase ein sehr schönes Bukett mit Pfirsich und Aprikose, ein Hauch von Honig, etwas Kräuter wie Rosmarin. Am Gaumen rund und weich, cremig, eine ausdrucksvolle, aber dabei sehr harmonische Süsse. Langer Nachhall und Abgang. Ein ziemlich perfekter Rheingauer Auslesecharakter, sehr klar und reintönig. In seiner jugendlichen Frische bereits jetzt sehr gut zu geniessen, hat aber Zukunft für Jahrzehnte.
18/20 –2040

Text und Foto: Mario Scheuermann

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.