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GG 2020 – DIE JAHRGANGSANALYSE

GG 2020 – DIE JAHRGANGSANALYSE
Grosse Gewächse – das Hitzetriple Vorteil: Wasserspeichernde Böden

Chefredakteur Giuseppe Lauria verkostete drei Tage lang die GGs während der VDP-Vorpremie

Von Giuseppe Lauria

Der Jahrgang 2020 war erneut ein heißes und trockenes Jahr. Nach 2018 und 2019 das dritte Hitzejahr in Folge. Erneut waren wasserspeichernde Böden und kühlere Lagen im Vorteil. Ein weiteres Jahr also, dass die immer häufiger und komplexer werdenden Themen wie Trockenheit und Hitze als Herausforderung in den Fokus stellt. Denn während man früher um Reife kämpfen musste (und dieser Kampf nicht selten verloren wurde), hat sich seit den 2000er Jahren dank «Global Warming» das Blatt fast komplett gewendet. Deutschlands Winzer gelten als Gewinner dieser Entwicklung. Hätte es in diesem Jahr, ich meine 2021, nicht so wahnsinnig viel geregnet, hätte man fragen können: wie lange noch ist Deutschland Profiteur der Erderwärmung? Für Clemens Busch, den ich für die Printausgabe zu seiner sensationellen Kollektion interviewt habe, meint sogar, dass der Punkt, wo Global Warming als Vorteil gesehen werden kann, sei bereits überschritten. Das Reife schon lange kein Thema. Das ist klar. Ebenso, dass – wie auf drastische und dramatische Weise an der Ahr gesehen – die Wetterkapriolen zunehmen.

Inzwischen ist auch klar, dass heiße Sommer und wenig Regen keine Garanten für einen großen Jahrgang sind – im Gegenteil: sie bringen neue, nicht unerhebliche Herausforderungen. Das haben wir bereits in den beiden vorangegangen Jahren gesehen. «Es geht nur noch um Reifeverzögerung», erzählte mir Julian Haag bei einem unserer letzten Gespräche. Wobei 2019 nicht ganz so extrem trocken war wie 2018 und durch die kalten Nächte sich mehr Frische und Rasse zeigte. Der aktuelle Jahrgang 2020, der von Winzern gerne als Mix zwischen 2018 und 2019 angepriesen wird, ist noch einmal anders. Zum einen war es wieder extrem trocken mit Hitzerekorden, aber zur Lese hin kam es zum Wetterumschwung. Der brachte viel Regen und sorgte zwar hier und da für etwas Entspannung, aber da hatten viele schon mit Trockenstress zu kämpfen. Auch die Botrytisgefahr stieg, was eine rigorosere Selektion erforderlich gemacht hat. Einige dürften aus Angst davor auch schon früher gelesen haben. Das zeigt sich in den Weinen in Form von stumpfen, phenolischen Noten. Manche Weine zeigen auch eine ungewöhnlich geringe Konzentration auf, die ab dem «Mid-Palate» von Gerbstoffen geprägt wirkt – vermutlich um eine gewisse Substanz im «Mouthfeeling» zu kreieren. Diesen Weinen fehlt es aber an wirklicher Dichte und Länge, auch an Strahlkraft und Spannung. Selbstredend boten solche Weine einfach zu wenig für ein Großes Gewächs und eine entsprechende Deklassierung als Orts- oder Erste Lage-Weine wäre ihnen sicher gerechter geworden.

Aber zurück zum Jahrgang. Es gibt auch einiges Positives zu berichten. Entscheidend war einmal mehr die Wasserversorgung der Reben. Und – wie in fast jedem Jahr – der richtige Lesezeitpunkt. Wer also über das entsprechende Terroir, Wetterglück und Fingerspitzengefühl verfügte, konnte auch in 2020 grandiose Weine machen. In der Spitze ist auch einiges dabei, dass vielleicht nur ein 1 bis 2 Pünktchen in der Hunderter Skala unter dem großen Vorjahr liegt. Einige wenige liegen sogar drüber. Die besten Weine zeigen die Feinheit des Jahrgangs mit einer dennoch guten Tiefe sowie einer feinen, aber durchaus saftigen Säure, die genügend Spannung verleiht. Klar, die Weine haben nicht die virile Energie des 2019er und erinnern eher an so manche 2018er mit ihrer gerbstoffbetonten Art. Allerdings weniger üppig und niedriger im Alkohol. Auch hält der positive Trend zu niedrigen Restzuckerwerten weiter an. Viele weiße Große Gewächse bewegen sich inzwischen – wie lange nicht nur von uns gefordert – im Bereich von unter 4 Gramm Zucker, manche bewegen sich sogar Richtung unter 2 Gramm. Die Alkoholwerte tendieren wieder im Normbereich von 12,5 bis 13 vol.%. Die Zeit der kraftvollen Boliden ist vorbei, die deutschen Spitzenwinzer haben sich von den einst Wachauischen Vorbildern emanzipiert. Hier liegt die Chance für deutschen Spitzenwein: Auch beim Pinot. Kühle, feingliedrige und mineralisch geprägte Weine mit territorialem Ausdruck, wo das Terroir vorhanden ist.

Alte Reben und Brunnenlagen als Trumpfkarte

Aufwändiges und konzentriertes Verkosten: Die besten Roten wurden noch einmal im Vergleich nachprobiert

Das Thema Trockenheit und Bewässerung prägte auch 2020. Alte Rebstöcke, die tief wurzeln, holen sich die Feuchtigkeit aus tieferen Gesteinsschichten und kommen mit der Trockenheit besser zurecht. In den alten Weinbergen mit etabliertem Wurzelsystem haben die Reben die Trockenheit recht gut weggesteckt. Auch aus der Pfalz, die ohnehin als das trockenste Weinanbaugebiet Deutschlands gilt, hört man von der Notwendigkeit, zu bewässern. Auch im Rüdesheimer Berg wird das kontrovers diskutiert. Längst eine neue und wohl notwendige Realität in Deutschland. Wie sich das auf die Qualität auswirkt, ist fraglich und wird freilich gegensätzlich beantwortet. Für Andreas Spreitzer aus Oestrich-Winkel ist klar: Die Brunnenlagen mit der guten Wasserversorgung waren wie in den beiden Vorjahren im Vorteil. Zum Glück kommt mit 2021 ein regenreiches, kühleres Jahr als Abwechslung, freilich mit anderen Herausforderungen. So bleibt es immer spannend.

Ein Jahrgang zwischen 2018 und 2019?

Mosel zum Frühstück? Traditionell geht es mit der Mosel los. Wie immer spannend. Das Bruder-Duell von Oliver und Thomas Haag

JEIN! 2020 ist ein früher und reifer Jahrgang, aber mit feiner Struktur, zarter Frucht und meist weicher Säure. Die besten Exemplare haben eine gewisse Konzentration bei schwebender Leichtigkeit. Er verspricht frühe Trinkreife. Ob er bei den moderaten Säurewerten gut reifen wird, bleibt abzuwarten. Wenn ich mir so manche 2018er heute anschaue, so wirken da einige jetzt schon etwas matt. Gerade wenn man sie im Vergleich zu den frischeren 2019ern verkostet. However: In der Spitze gab es einiges Herausragendes, ganz wenige konnten sich sogar etwas verbessern. In Gänze kommt er nach herrschender Meinung aber nicht an den herausragenden 2019er heran. Weil er aber gefühlt einen sehr ähnlichen Vegetationsverlauf hatte, waren die Erwartungen hoch. Voreilige Lobeshymnen wie «Vintage of the century» blieben uns zwar diesmal erspart, dennoch positionierten sich Winzerschaft und Verbände recht früh mit der Botschaft, der Jahrgang liege «zwischen 2018 und 2019». Das schürte hohe Erwartungen, die mancherorts nicht erfüllt wurden. Er entpuppte sich nämlich als viel heterogener und durchwachsener als einige dachten. Hinter einer recht homogenen starken Spitze und einem sehr guten oberen Mittelfeld gibt es wieder (zu) viel Mittelmaß und auch einige fragwürdige Weine, die dem Anspruch «Großes Gewächs» nicht gerecht werden. Rund 30 mal habe ich die Note 15 oder weniger Punkte gegeben. Bei den Kollegen sah das nicht viel anders aus. Das entspricht weniger als 85 Punkten. Für einen Ortswein durchaus respektabel, aber für ein GG mit entsprechendem Preisanspruch zu wenig. In einigen Weinen schmeckte man deutliche Phenolnoten, was wie in 2018 auf den enormen Trockenstress zurückführen ist. «Ohne Frage sind Trockenheit und Stress für die Pflanze am Ende auch in den Trauben zu schmecken. Deshalb macht es Sinn, die betroffenen Rebstöcke, die meist auch jüngeren Pflanzdatums sind, extra zu ernten», bestätigt mir VDP-Vizepräsident Philipp Wittmann im Exklusivinterview (Siehe Seite 13).

Gewinner des Jahrgangs

Ausgeschenkt wurde in 4er bis 6er-Flights. Insgesamt wurden rund 460 Weine in 78 Flights serviert. WEINWISSER verkostete nach

In der Spitze geht es bis 19.5/20 hoch. Das erreichte allerdings nur ein Wein. Die Abtserde von Weingut Keller. Auf 19+/20 (Rothenberg von Kühling-Gillot, Petthenthal von Keller) kommen zwei weitere und auf 19/20 immerhin 14 Weine (siehe Bestenliste). Das sind rund 4 % aller probierten Weine. Sie verdienen das Attribut «Weltklasse». Auch 18.5/20, 18+/20 und 18/20 sind herausragende Weine, die zu den besten des Landes gehören und gerne selektiv auf die Kaufliste dürfen. War die Nahe in den vergangenen Jahren immer unter den Top-Outperformern, ist das in diesem Jahr nicht ganz so klar. Zwar fand ich sie als Gebiet zusammen mit Rheinhessen dennoch am homogensten, aber ohne an die souveräne Brillanz der Vorjahre heranzukommen. Rheinhessen, vor allem der Wonnegau mit seinen Kalkböden und deren wasserspeichernden Tonauflage, und große Teile der Pfalz wie etwa die Mittelhardt sind erneut die Gewinner des Jahrgangs. Paradoxerweise kommen auch einige der Top 10 aus trockeneren Lagen wie aus dem Rüdesheimer Berg (wie etwa Theresa Breuers großartiger Schlossberg) oder dem Roten Hang. Wie kann das sein? Alte Reben, aufwändige feuchtigkeitserhaltende Maßnahmen (u.a. Strohballen) und vor allem niedrige Erträge. Denn auch die Ertragsregulierung war entscheidend, um (Trocken-)Stress von der Pflanze zu nehmen. Da hatten es Brunnenlagen und wasserspeichernde Böden einfacher. Die besten Weine kommen den 2019ern Spitzen recht nahe, wenn auch die Säurestruktur in der Regel etwas weicher ist und die Weine im Schnitt «leichter» sowie deutlich gerbstoffgeprägter sind. Die Pfalz, die mein Kollege Jürgen Mathäss verkostet hat, zeigte sich näher an den 2019ern denn an den etwas reiferen 2018ern.

Clemens Busch: Einer der Jahrgangsüberflieger mit starker Kollektion (siehe auch das Exklusivinterview im Heft)

Für Rheinhessen-Star Klaus-Peter Keller «probiert sich 2020 qualitativ sehr ähnlich wie 2019.» Und in der Tat sind die Punkte, die ich seiner Kollektion gegeben habe, fast identisch mit denen im Vorjahr (Siehe das Spezial zu seiner gesamten Kollektion im Rheinhessen-Kapitel). Für ihn ist klar: «Wasserspeichernde Böden wie im Morstein und Brunnenhäuschen waren im Vorteil.» Er macht aber auch auf einen anderen Punkt aufmerksam: «Man musste den Ertrag runterfahren, um eine gewisse Konzentration und Dichte zu bekommen.» Das sagte auch der Vorsitzende des VDP Rheingau Wilhelm Weil: «Ertragsregulierung war eine wichtige Stellschraube für hohe Qualitäten.» Sein Kiedricher Gräfenberg ist das beste Beispiel dafür. Frank Schönleber, Vorsitzender des VDP Nahe, von  sieht den Jahrgang «auf dem hohen Niveau von 2019. Die Weine sind etwas kräuterwürziger und präziser und erinnern sogar ein wenig an den kühlen 2016er Jahrgang.»  Wie wir es im Detail sehen, können Sie in der umfassenden GG-Spezialausgabe im Weinwisser lesen. Die Einzelausgabe gibt es hier: https://bit.ly/die_besten_Weine_Deutschlands

Gemeinsam mit meinen Kollegen Frank Kämmer MS (Lemberger GG, weiße Pinots, Jürgen Mathäß (Pfalz Riesling) und Michael Schmidt (Ahr) haben wir uns durch rund 450 Weine durchprobiert, um die besten Weine zu selektionieren. Allein lässt sich eine solch hohe Anzahl an Weinen unter Zeitdruck nicht seriös verkosten, bewerten und ausführlich beschreiben. Diese stellen wir Ihnen auf den folgenden 30 Seiten als komprimiertes Kompendium vor – wie immer mit ausführlichen Analysen, wichtigen Hintergrundinformationen zur Machart und zu den Terroirs sowie Top-Interviews mit ausgewählten Winzern. Weitere Insights zu den einzelnen Regionen finden Sie als Preview hier: https://www.weinwisser.org/aktuelles-heft/ 

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Die Printausgabe mit ganzen 36 Seiten mit der Analyse der einzelnen Regionen, ausführlichen Verkostungsnotizen und vielen, in die Tiefe gehenden Exklusivinterviews gibt es hier: https://bit.ly/die_besten_Weine_Deutschlands.

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