Orange Wine

Seit Jahrhunderten kennen wir drei Farben für Wein: weiss, rot und rosé. Jetzt gibt es eine vierte: orange. Was hinter der 4. Weinfarbe steckt und warum es sich lohnt, Orange-Wein zu probieren, dem geht Weinreporter Mario Scheuermann auf den Grund.

Weit gingen die Meinungen auseinander, als die Fachjury der bekannten Sauvignon blanc Trophy 2014 den 2012er Sauvignon blanc Francois vom Weingut Braunewell (Essenheim) in einer verdeckten Verkostung auf Herz und Nieren prüfte. Der Wein polarisierte die Fachzungen: Die einen fanden ihn grandios, die anderen zu oxydativ. Komplex und vielschichtig lauteten die Kommentare, aber auch «nicht sortentypisch». Dabei hätten die Juroren es bereits an der Farbe des Weins, einem sehr satten, leicht rötlichem Gelb, erkennen können, worum es sich handelt: Orange-Wein.

Orange-Wein: eine Frage der Definition

Aber was ist Orange-Wein eigentlich genau? Das ist nicht so ganz leicht zu beantworten; denn inzwischen gibt es jede Menge Trittbrettfahrer, die sich diesen Trend, der Aufmerksamkeit und hohe Preise in der Weinwelt verspricht, zunutze machen. Manch einer versucht auch einen eigentlich misslungen Wein unter dem Signet Orange zu vermarkten. Die Qualitätsweinprüfer bei den Landwirtschaftslkammern können ein Lied davon singen.

Dabei gibt es streng genommen eine einfache Definiton: Es handelt sich bei Orange-Wein um möglichst lang und vollständig auf der Maische vergorene Weißweine, die eine orange bis ins Bernstein gehende Farbe zeigen und einen deutlich höheren Gerbstoffgehalt aufweisen als normale Weißweine. Dies entsteht bei der Maischegärung durch den langen Kontakt des Saftes mit den Traubenschalen und den Kernen, so wie es bei der Rotweinherstellung üblich ist. Spontangärung mit eigenen Hefen ist dabei oft der Fall, aber nicht zwingend. Eigentlich ist das ein alter Hut; denn so wurden vor wenigen Jahrzehnten beispielsweise in Baden noch alle traditionellen Ruländer vinifiziert. Eine Tradition, die leider heute kaum noch gepflegt wird. Im Grunde genommen wurden bis zur Neuzeit alle Weissweine so gemacht.

Manche nennen dies auch daher einen Wein nach alter Art oder einen vin naturel. Doch das meint beides etwas anderes. «Alte Art» heißt Ausbau über mindestens zwei und bis zu vier Winter im Holzgebinde und vin naturel ist ein Wein bei deren Vinifizierung möglichst auf jeglichen Zusatz bis auch eine kleine evtl. notwendig Dosage Schwefel verzichtet wird. Fass kann bei einem Orange-Wein der Fall sein, muss aber nicht.

Viele Orange-Weine kommen aus biologischem oder biodynamischem Anbau. Aber auch das ist kein Muss. Selbst der bewusst oxydative Ausbau  in kleinern Fässern oder auch in Amphoren ist kein Kriterium. Man kann Orange-Weine nach der Gärung auch im Stahltank weiter ausbauen. Wichtig dagegen ist, dass die Weine möglichst wenig oder gar nicht gepumpt werden und so lange lagern bis sie völlig durchgegoren und damit stabil sind, so dass man sie ungeschönt und unfiltriert füllen kann. Diese Art den Wein sich mehr oder minder selbst zu überlassen, birgt jede Menge Risiken für den Winzer ergibt aber mit Chance Weine mit körperreiche, komplexe Struktur, wie die den meisten Weintrinkern heute allerdings fremd ist. Die beliebten eindeutigen Primärfruchtaromen gibt es so gut wie nicht. Es überwiegen die erdigen, würzigen und gerbstoffigen Noten.

Orange: aus Gorizia um die Welt

Die Orange-Wein-Bewegung begann in der italienischen Provinz Gorizia – dem ehemals habsburgischen Görz – nahe der slowenischen Grenze mit den Weinen von Josko Gravner, der Ende der 1990er Jahren die alte georgische Technik des Ausbaus von Weinen in Amphoren für sich entdeckte, die sich in dem Land am Kaukasus über Jahrtausende erhalten hatte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhang hatten westliche Winzer und Experten leichter Zutritt zu dieser entfernten Ecke Europas. Und im kroatischen Istrien habe ich auch einen der allerbesten Orange-Weine getrunken lange bevor es den Begriff überhaupt gab. Es waren die Malvasias aus den Jahren 2000 und 2001 von Creator Spiritus. Unter diesem Label schuf der österreichische Künstler Wolfgang Ernst in Ograda einige Jahre lang grandiose Weine von eine schier unfassbaren Komplexität bis ihn die kroatische Weinaufsichtsbehörde aus dem Land vergraulte, weil sie diese Weine für nicht verkehrsfähig erklärte.

Von diesem kroatisch-slowenisch-italienischen Dreiländereck aus verbreitete sich die Bewegung nach Österreich wo es heute vor allem in der Steiermark mit Werlitz, Ploder Rosenberg und Sepp Muster herausragende Beispiele dafür gibt. Aber es gibt Orange-Weine auch in den USA in Südafrika, in Australien und seit kurzem auch in Deutschland. Peter Jakob Kühn im Rheingau war einer der ersten, der sich an das Thema Amphore wagte.  Inzwischen gibt es viele die sich in der einen oder anderen Art um das Thema bemühen: Philipp Wittmann und Kai Schätzel  in Rheinhessen zum Beispiel,  Meirer und K.J. Thul an der Mosel. 2013 fand im Rheingauer Weingut Ankermühle erstmals ein Orange-Wein-Symposium mit internationaler Beteiligung statt. Auch wenn längst nicht alles was Orange daher kommt auch Orange-Wein ist, das Thema wird uns noch lange beschäftigen.

Text: Mario Scheuermann, Foto: Weingut Jakob Kühn / Andreas Durst

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