Ein ausgezeichnetes Jahr für Riesling-Puristen – Teil 2

Das Regionen-Ranking: Nahe, Pfalz und Rheinhessen ganz vorne

War die Mosel im vergangenen Jahr klarer Sieger und die Pfalz eher Verlierer, so hat sich das in diesem Jahr gedreht. Während die Mosel mit dem Jahrgang zu kämpfen hatte, trumpften Pfalz, aber noch mehr Nahe und Rheinhessen gross auf. In diesen Regionen gab es die meisten Weltklasse-Weine (19/20). Aber der Reihe nach.

Nahe: Die Aufsteigerregion der letzten Jahre zeigte sich sehr homogen. Hier gelingt einfach in grosser Regelmässigkeit der Spagat aus Fülle, kräuterwürziger Mineralik und Struktur. Und doch sind die Stile so vielfältig wie die Terroirs an der Nahe. Besonders die Top Drei Schäfer-Fröhlich, Emrich-Schönleber und Dönnhoff präsentierten sich mit herausragenden Kollektionen in Bestform. Hier lösen Tim Fröhlichs Felseneck, die beiden Halenberg von ihm und Emrich-Schönleber sowie Dönnhoffs Hermannshöhle – jeder mit seinem Stil – Gänsehaut aus. Vom berühmten Ritt auf der Rasierklinge mit würzigen, reduktiven Sponti-Noten und verdichteter Schieferwürze (z.B. Felseneck), über das kräuterwürzige und weit gespannte Riesling-Monument mit gotischer Anmutung (Emrich-Schönlebers Halenberg) bis hin zur beschwingten, fast schwebenden und saftig-animierenden Hermannshöhle mit präziser, glockenklarer Frucht und reifer Säure ist alles dabei. Nicht nur an der Nahe. VDP-Nahe-Vorsitzender Frank Schönleber fasst den Jahrgang so zusammen: „Die 2016er Weine sind in der Spitze ungeheuer präzise und spannend. In der breiten Masse waren die Qualitäten in 2015 sicherlich homogener als in 2016, in der Spitze gibt es aber eine ganze Reihe von grandiosen Weinen.“ Genau so sehen wir das auch. Und gleich mehrere Nahe-Rieslinge sind ganz vorne in der Spitze der WEINWISSER Champions League-Tabelle zu finden. Gleich vier Rieslingen landen mit 19/20-Punkten unter den Top 12.

Grosse Dynamik am Roten Hang – Der Pettenthal-Flight gehörte zu den besten in Wiesbaden

 

 

Rheinhessen: Das Land der tausend Hügel zeigte sich in der Spitze ebenfalls homogen. Diesmal sowohl im Hügelland als auch am Roten Hang, wo mit einer neuen Generation von Winzern wie Kai Schätzel, Johannes Hasselbach, Felix Peters oder Carolin Spanier-Gillot eine eindrucksvolle Dynamik entstanden ist. Klaus Peter Keller legte abermals eine atemberaubende Phalanx an grossen Weinen vor (siehe hierzu das Interview auf den Seiten 2 und 3 sowie das Spezial mit Beschreibung der kompletten Jahrgangskollektion). Die GG sind allesamt herausragend, die Kabinette und Auslesen tänzerische Ballerinen, die man eher an die Mosel verortet. Mit dem Pettenthal GG und dem Spätburgunder Morstein „Felix“, die bei der gestrigen VDP-Versteigerung einen Nettopreis von 275€ und 550€ pro Flasche erzielten, ist ihm ein wahrer Coup gelungen: In beiden Fällen schwebende, verdichtete Leichtigkeit mit enormer Strahlkraft und Griffigkeit. Dicht dahinter haben sich wieder Wittmann mit einem grandiosen Morstein und Kirchspiel sowie Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot mit jeweils sehr ausdrucksstarken Weinen platziert. Das sind wunderbar trockene Rieslinge mit kühler Anmutung, grosser inneren Dichte, fest verwoben und mit dunkelwürzigen, leicht ins tabakige gehende Gelbfruchtaromen – in beiden Fällen mit hoher Wiedererkennbarkeit. Mit neuer oder vielmehr alter Stärke zeigen sich Wagner-Stempel, der zu den GG einen spannenden trockenen Riesling namens „EMT“ zur Versteigerung gab und Gunderloch, der mit einem exzellenten Pettenthal überraschte. Überhaupt war 2016 ein Pettenthal-Jahr und so gehörte dieser Flight zu den besten in Wiesbaden. Kai Schätzel ist weiterhin auf Kurs, gerade der gestern probierte Versteigerungs-Kabinett zeigte grosse Klasse, auch wenn mir die GG etwas zu gerbstoff- und säurebetont sind.

Kellers Pettenthal (360 Flaschen) wurden für 275€ netto versteigert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rheingau: Im Rheingau ist zwar einiges in Bewegung gekommen und es wird viel experimentiert. Brillieren und überzeugen konnten aber allen voran die Top-Betriebe wie Kühn (mit seinen wiederum sehr individuellen 2015er GG) und Leitz mit glockenklaren und erstaunlich leichtfüssigen Bergrieslingen sowie Spreitzer unter anderem mit einem erneut starken und dunkelwürzigen Wisselbrunnen. Waren mir die Künstler-Weine im letzten Jahr zu barock, zeigten sie eine bemerkenswerte Rückkehr zu mehr Leichtigkeit und Eleganz. Das elegant-würzige Kirchenstück ist wieder nuancierter und früher zugänglich, die Hölle klar und tiefgründig. Achim von Oetinger präsentierte erneut den besten Marcobrunn, aber auch Prinz, Wegeler sowie Barth und Allendorf setzen mit teils im Holzfass ausgebauten und bewusst leicht gerbstoffbetonten Charakterweinen tolle Akzente. Ebenso souverän die Rieslinge von Johannishof, während Alexander Jung mit einem kräftig-schmelzigen Siegelsberg eine neue stilistische Variante bietet. Weil präsentierte einen festen, kühlen und langlebigen Gräfenberg, während Schloss Johannisberg nach den vielen personellen Wechseln ein respektables, leichtfüssiges GG lieferte, das eine Rückkehr zu mehr Reintönigkeit zeigt. Bei den Pinots gelingt Kesseler und Künstler jeweils ein Coup mit dem Assmannshäuser Höllenberg und die Weine Kaufmanns gewinnen mit Eleganz und Leichtigkeit zunehmend an Profil. Ausserhalb des VDP setzen einmal mehr die Bergweine von Theresa Breuer, allen voran der Rüdesheimer Berg Schlossberg, eine Benchmark für klassisch-langlebige Rieslinge von zeitloser Schönheit, aber mit viel Substanz und wenig Alkohol. Allerdings sind diese Weine jung schwierig zu verkosten und brauchen – ähnlich wie die 2008er – noch etwas Zeit. Mehr dazu im Kapitel Rheingau mit dem Breuer-Spezial.

Blick auf die beeindruckende Saarschleife: An der Saar brillierte vor allem Van Volxem

Mosel: Die Mosel, unser letztjähriger Regionen-Gewinner, hat sich mit dem 2016er Jahrgang schwergetan. Entsprechend gab es deutlich weniger Anstellungen, was konsequent und richtig ist. Klar ist, dass die Mostgewichte der Trauben an der Saar – wie meistens – nicht ganz so hoch waren wie die an der Mosel. „Allerdings präsentieren sich die Weine aufgrund der langsameren Reife infolge der an der Saar kühleren Bedingungen letztlich aber finessenreicher und auch aromatischer“, berichtet Roman Niewodniczanski im Exklusiv-Interview mit dem WEINWISSER. Schon im vergangenen Jahr ganz vorne, zeigte Van Volxem eine sehr starke Kollektion mit grandiosen GG – allen voran der herausragende Scharzhofberger: Ein Wein, so schön wie eine Michelangelo-Skulptur. Eine gemeisselte Delikatesse. Aber auch Heymann-Löwenstein überzeugte mit einer bärenstarken Kollektion und einer weiterhin erkennbaren Rückkehr zu mehr Finesse und Terroir. Das kühlste und klarste GG ist dabei der Uhlen Röttgen mit seiner steinig-mineralischen Art, auch wenn der Blaufüsser Lay noch eine Dimension mehr zu bieten hat.

Apropos steinig-mineralisch: Das gilt ebenso für Schloss Liesers und Peter Lauers schlanke, schieferwürzige und messerscharf-zupackende Rieslinge. Keine Blösse gaben sich St. Urbans-Hof, Fritz Haag, Maximin Grünhaus, Dr. Loosen (mit allerdings sehr unterschiedlichen Stilen und Qualitäten) sowie von Othegraven. Etwas besser als im Vorjahr präsentierte sich der Karthäuserhof mit einem formidablen kräuter-mineralischen Herkunftsriesling.

Pfalz: Die Pfalz gehört zu den Gewinnern des Jahrgangs, besonders die Mittelhardt zeigte sich deutlich besser als im Vorjahr. Allen voran Bürklin-Wolf mit seinen erst jetzt präsentierten 2015er und Reichsrat von Buhl mit einer (auch numerischen) Phalanx an eigenständigen und knochentrockenen Rieslingen. Doch ganz oben sehen wir wieder das Weingut Rebholz – zum einen mit zwei herausragenden Rieslingen, vor allem aus dem Kastanienbusch, der spielerisch die Balance aus Stoffigkeit, Finesse und Tiefe in Einklang bringt. Auch der Weissburgunder und erst jetzt vermarktete 2012er Pinot sind ganz vorne zu finden. Dicht dahinter platzieren sich Wehrheim und von Winning, während Bassermann-Jordan nicht durchgängig das hohe Vorjahresniveau erreichte.

Für die weissen Burgundersorten war der Jahrgang schwieriger. Dieser Sortentyp gelingt mit einer gewissen Reife und Fülle einfach besser. Sie bleiben deshalb in den meisten Fällen etwas hinter den 2015ern zurück. Bei den Weissen Burgundersorten ist Wehrheims ungemein schmelziger und vielschichtiger Mandelgarten unangefochten an der Spitze, dicht gefolgt von Rebholz und Knipser. Anders sieht es bei den Pinots aus, wo Knipser mit seinen „Riserven“ aus 2013 ganz oben steht, dicht gefolgt von F. Becker und Rebholz. Nur einige wenige haben den 2015er Spätburgunder vorgestellt, der für diese Sorte als Jahrgang sicher zum Besten gehört, was bisher in diesem Jahrhundert gewachsen ist.

Franken. Kaum eine Region hat in den vergangenen Jahren so aufgeholt wie Franken. Und dass nicht nur mit Silvaner, sondern auch mit charaktervollen Riesling. Waren früher die Franken-Weine eher rustikal und hoch im Alkohol, arbeiten die Spitzenwinzer immer mehr daran, den Körper und die Fülle mit mineralischen Akzenten und strafferer Struktur in Schach zu halten. Bei den Silvanern zeigt sich ein sehr ähnliches Bild wie im Vorjahr. Besonders das Spitzenduo Weltner und Luckert haben ungemein komplexe und gleichzeitig animierende Weine auf die Flasche gebracht. Mit ihren charaktervollen, stilistisch völlig unterschiedlichen Silvanern Küchenmeister „Hohenleite“ (Weltner) und Maustal (Luckert) knüpfen sie nahtlos an die ausgezeichnete Vorjahresleistung an und stehen praktisch Schulter-an-Schulter auf dem Siegertreppchen. Allerdings ist die Spitze enger zusammen als im vergangenen Jahr. Denn dazu gesellen sich Horst und Rainer Sauer – beide mit einem starken „Am Lumpen 1655“. Und auch das Juliusspital meldet sich mit einem superben 2015 Silvaner GG aus der Lage Würzburger Stein zurück – die längere Fassreife und der komplettere Jahrgang 2015 haben hier gute Früchte getragen. Rudolf Mays Rothlauf ist auch in diesem Jahr unter den Top-Ten.

Von den grösseren Gütern punktete das Bürgerspital mit seinen beiden Lagen-Silvanern. Eine schöne Überraschung gelang dem Weingut Am Stein – mit einem sehr eigenständigen Silvaner und Riesling aus dem dem Stettener Stein.

Silvaner gewinnt immer mehr an grossartiger Eleganz und Herkunftscharakter. Immerhin schafften es vier Silvaner über die hervorragende 18-Punkte-Grenze. Beim Franken-Riesling setzen nach wie vor Fürst, Weltner und Luckert die Massstäbe.

Baden: Hier kann man zwei Headlines bringen: Die erste lautet in ganz dicken Lettern: Huber beeindruckt auf ganzer Linie: Schon im vergangenen Oktober schrieben wir, dass der 2014er Chardonnay aus dem Schlossberg vielleicht der beste in Deutschland je produzierte Chardonnay ist. Auch in 2015 ist das wieder – wenn auch noch mit starken Reduktionsnoten – der Fall. Wirklich bewundernswert, wie die sympathische und stets bodennah gebliebene Familie die verlustbedingten Herausforderungen angenommen hat. Aus der Serie der grossen Spätburgunder ragen einmal mehr (aus dem grossen Zalto-Burgunderglas probiert) der ungemein komplex-vielschichtige Schlossberg, der von feinster Transparenz geprägte Wildenstein sowie die geheimnisvoll-tiefgründige Sommerhalde heraus. Eine schöne Überraschung lieferten die kompakten und sehr klassisch geprägten Pinots von Fritz Keller und auch bei Heger schmeckt man eine Rückkehr zu mehr Finesse und Frische.

Die zweite Headline: Abgesehen von Bercher gab es bei den weissen Burgundern und Chardonnays ziemlich viel Mainstream mit Restsüsse, gefälligem Schmelz, wenig Spannung und mit eher zweifelhaftem Grand-Cru-Format.

Württemberg: Das Ländle ist zunehmend im Kommen. Das hatten wir bereits im vergangenen Jahr geschrieben. Auch wenn es in 2016 etwas schwerer war, vor allem die Rieslinge können die Herausforderungen des Jahrgangs nicht ganz verschweigen, ist das Niveau durchaus hoch. Noch erfreulicher sieht es bei den Roten aus: Lemberger und Pinot gelingen formidabel. Aldinger, Schnaitmann und Haidle sind hier führend. Darüber berichten wir in Teil 2 unserer grossen GG-Ausgabe.

Auf der letzten Seite (gilt nur für die Abonnenten) finden Sie dann unser Best-of über alle Regionen und Rebsorten hinweg (WEINWISSER TOP 100). Neben unserem Jubiläumsabo zum Vorzugspreis (99€ für Digital, Print + Datenbanknutzung mit über 35.000 Fine-Wine-Notizen) und mit hochwertiger Prämienauswahl kann die Langversion mit allen Bewertungen ab dem 29.09. auch als Einzelheft erworben werden. https://goo.gl/62Xo3T

Verkostungsmarathon mit 421 Weinen – Chefredakteur Giuseppe Lauria verkostete gemeinsam mit Jürgen Mathäß und Frank Kämmer MS

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