WEINWISSER fragt nach: Sandrine Garbay vom Château d’Yquem im Interview

Önologin Sandrine Garbay hat es als «Maître de Chais» bis an die Spitze gebracht: Seit fast 20 Jahren ist die Endvierzigerin als Kellermeisterin im legendären Château d’Yquem tätig. WEINWISSER Yves Beck hat Sandrine Garbay interviewt.

Yves Beck: Was hat sich bei Yquem geändert, seit die Gruppe LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) Hauptaktionär ist?

Sandrine Garbay: Nichts, abgesehen von einem neuen Manager. Pierre Lurton ist seit 2004 Président Directeur Général d’Yquem, die Aktienmehrheit wurde bereits 1999 erreicht. Die Qualitätspolitik ist die gleiche und unser Produktionsteam ist seit über 20 Jahren identisch!

Yves Beck: Wird sich Yquem nun dem aufsteigenden Trend der trockenen Weissweine anschliessen? Wird es Neuigkeiten geben?

Sandrine Garbay

Sandrine Garbay

Sandrine Garbay: Wir ändern nichts an unserer Produktion. Y, unser trockener Weisswein, wird seit 1959 produziert. 2004 haben wir uns entschieden, seinen Typus etwas zu modernisieren. Wir hatten uns auf etwa 10 000 Flaschen festgelegt und werden bei dieser Menge bleiben.

Yves Beck: Man hört verschiedenste Informationen, was die Anzahl der Erntedurchgänge angeht. Was ist der Richtwert und welche Kriterien werden berücksichtigt, um das Ernten der Beeren freizugeben?

Sandrine Garbay: Durchschnittlich machen wir fünf Durchgänge hintereinander, die zwischen Mitte September und Anfang November stattfinden. Die Auswahl erfolgt nach visuellen Kriterien: Es werden nur die mit Botrytis und Falten befallenen Beeren, die eine gute Zuckerkonzentration aufweisen, ausgewählt. Der Ernter muss aber auch darauf achten, die durch schlechte oder säuerliche Fäule beschädigten Beeren zu erkennen und zu entsorgen. Schliesslich muss er mit den gesunden Beeren sorgfältig umgehen, denn die können Edelfäule entwickeln. Unsere Ernter sind erfahrene Personen.

Yves Beck: Haben Sie denn jedes Jahr die gleichen Ernter? Ich hörte eine Geschichte, die erzählt, dass Yquem asiatische Frauen für die Ernte beschäftigt, da sie mit ihren kleinen und feinen Händen besonders begabt sind, um einzelne Beeren zu ernten. Mythos?

Sandrine Garbay: Das ist in der Tat ein Mythos, ich habe auch keine Ahnung, woher diese Idee stammt. Unsere Ernter sind aus der Region und kommen jedes Jahr wieder; zwei Drittel davon sind langjährige Helfer. Es ist aber richtig, dass es mehr Frauen als Männer sind. Das ist allerdings kein Wille von uns, wir kriegen einfach mehr Bewerbungen von Frauen.

Yves Beck: Die Zuckerkonzentration ist ja sehr wichtig bei mit Botrytis befallenen Beeren. Daher ist das Chaptalisieren nicht notwendig. Ist es trotzdem irgendwann bei Yquem vorgekommen?

Sandrine Garbay: NIEMALS. Das ist eine fundamentale Regel bei Yquem: Es kommt kein Gramm Zucker in die Kellerei von Yquem. Wenn wir die notwendige Zuckerkonzentration nicht erreichen, machen wir ganz einfach keinen Yquem und basta! Beispiel: Jahrgang 2012.

Yves Beck: Viele Yquem-Anhänger behaupten, dass Ihre Weine den Genusspunkt erst nach einigen Jahrzehnten erreichen. Wie sehen Sie das?

Sandrine Garbay: Was bedeutet schon «den Genusspunkt erreichen»? Was sind die Kriterien? Fragen Sie zehn Personen nach dem idealen Zeitpunkt, um eine Flasche zu geniessen, und Sie werden zehn verschiedene Antworten erhalten. Jeder entscheidet selbst. Persönlich trinke ich die Yquem sehr gerne jung (zwischen 5 und 10 Jahre alt), dann sind sie sehr fruchtig, und glauben Sie mir, das ist Höchstgenuss für mich. Ich liebe es aber auch, sie zu verkosten, wenn sie 30, 40 oder 50 Jahre alt sind. Es ist ein anderer Genuss, und da spielen dann auch die Emotionen mit, besonders bei sehr alten Weinen. Es ist kein Thema, Yquem ist DER Lagerwein par Excellence. Welcher Wein ist sonst in der Lage, so gut wie Yquem zu altern?

Yves Beck: Wie war 2014 für Yquem?

Sandrine Garbay: Sehr gut. Ganz ehrlich, es hat sehr schlecht begonnen, der Sommer war kalt und nass. Glücklicherweise war der Herbst unglaublich gut dank Wärme. Es gab wenig Regen und wenn doch, dann genau im richtigen Augenblick, um die Edelfäule zu fördern.

Yves Beck: Wie lange hat die Ernte gedauert und wie sind Sie mit der Qualität zufrieden?

Sandrine Garbay: Wir haben vom 5. September bis 30. Oktober gelesen; die Lese dauerte also 9 Wochen, während denen wir die ganze Vielfalt eines Jahrgangs mit ausgelegter Blüte und Beerenreife ernten konnten. 20 % der Lese wurden sogar vor dem 15. September eingeholt, was uns eine besonders wichtige und wertvolle Basissäure liefert. Jedoch muss man an die Assemblage denken, die wegen der strengen Auswahlkriterien immer kleiner ausfällt.

Yves Beck: Was war das schlechteste und was das beste Erlebnis, das Sie persönlich bei Yquem erzielt haben?

Sandrine Garbay: Meine schönste Erinnerung: Jahrgang 2001, hervorragende Qualität und bequemes Arbeiten. Ein vorhersehbarer Jahrgang, von Anfang an grandios. Die unschöne Erinnerung ist ganz klar die Weinlese 1999. Es war meine zweite Lese als Kellermeister. Ich hatte nicht genügend Führungserfahrung und am Ende dieser anstrengenden Lese, die alle extrem müde machte, fühlte ich mich überfordert. Ich konnte meine Leute nicht optimal führen und das wurde mir dementsprechend auch vom Team vorgeworfen.

Yves Beck: Wie wird der Jahrgang 2014? Haben Sie schon Vergleichskriterien?

Sandrine Garbay: Nein. Dazu ist es noch zu früh. Wir sind aber überzeugt, dass der Jahrgang sehr gut wird. Diese Basis an Säure, die ich vorhin erwähnte, wird für einen eher aussergewöhnlichen Jahrgang sorgen.

Yves Beck: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview und Fotos: Yves Beck

Mehr über Château d’Yquem in: → WEINWISSER-Ausgabe 2/15 

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