Soave: mehr als ein Zechwein?

Soave kennt man in Deutschland eigentlich nur aus dem Supermarktregal. Und selbst dort steht er eher in den unteren Reihen. Bückware also. Das ist auch dem Consorzio Tutela Vini Soave bewusst, weshalb es kürzlich nach Italien einlud. Dass es zwei Wesen des Soave gibt, erfährt man erst vor Ort.

Wenige Autominuten östlich von Verona entfernt liegt die Stadt Soave. Sie wird von der Skaligerburg und der noch gut erhaltenen Stadtmauer umzäunt. Hier liegt auch die Quelle industriell hergestellter Massenware, die vor allem im Ausland – trotz des schlechten Image – grosse Abnehmer findet. Dieser Soave prägt hierzulande das Bild vom italienischen Zechwein. Das verwundert nicht. Wurde doch das ursprüngliche Kerngebiet stark erweitert, um den Bedarf zu decken. 2012 wurden 44,19 Mio. Flaschen Soave DOC abgefüllt. Lediglich 13,7 Mio. entspringen dem Soave Classico. Doch hier im Soave Classico gibt es auch qualitätsorientierte Winzer, die bestrebt sind, durch geringe Erträge, klassische Pergolaerziehung und Handlese langlebige und individuelle Weine zu erzeugen. Sie sind in Deutschland nur rar vertreten. Zum einen, weil ihr Ruf von belangloser Massenware zerstört wird, und zum anderen, weil sich nur wenige Fachhändler mit der Bandbreite des Soave intensiv auseinandersetzen. Eine Zwickmühle.

Das Anbaugebiet

Soave erstreckt sich auf 6.919 Hektar Rebfläche und hat damit in etwa so viel Hektar wie Einwohner. Der Grossteil der Rebfläche wird mit klassischer Pergolaerziehung bewirtschaftet. Lediglich 360 Hektar sind nach dem Guyot-System ausgerichtet. Die schattenspendende Erziehungsform prägt nach wie vor das Landschaftsbild von Soave, besonders im Soave Classico, der hügeligen Landschaft um Soave und Monteforte d’Alpone, wo überwiegend ambitionierte Winzer Anlagen besitzen. Denn diese können nur ohne grössere Maschinen bewirtschaftet werden. Die Hügellandschaft und die Ebene zweiteilen Soave nicht nur optisch, sondern meist auch qualitativ. Die Hanglagen sind von vulkanischem Felsgestein geprägt und haben oft Basalt- und Kalkeinstreuungen. Die prägende Rebsorte ist Garganega. Die autochthone Rebsorte muss für den Soave Classico zu einem Anteil von mindestens 70 Prozent vorhanden sein. Bis zu 30 Prozent dürfen mit Trebbiano di Soave, Pinot Bianco oder Chardonnay verschnitten werden.

Der Jahrgang 2013

Der Jahrgang 2013 spielt für anspruchsvollen Soave eine bedeutende Rolle. Die Soave haben durch die Bank eine kernige, aber gut integrierte Säure. Damit fallen die in der Säure sonst eher milderen Weine enorm lebendig aus. Sie wirken geschliffen und präzise. Das Jahr startete mit einem trockenen Winter, der von einem regenreichen und milden Frühling abgelöst wurde. Besonders im Mai waren die Regenfälle stärker als üblich, so dass die Vegetation verzögert wurde. Mitte Juni setzte die Blüte ein. Die mangelhafte Befruchtung der Rebstockblüten verursachte kleinbeerige Trauben und niedrigere Erträge als üblich. Ab Juli verbesserte sich das Wetter, die Trauben konnten voll ausreifen. Hinzu kamen starke Temperaturunterschiede im September. Die Weine sind weniger opulent fruchtig ausgefallen als im Jahr 2012. Bereits die Basisweine zeigen, welch Vitalität im Jahrgang steckt.

Wird ein Soave jemals ein grosser Wein sein?

Ein klares Jein! Verbietet doch der Charakter eines klassischen Soave, sich mit den anspruchsvollsten und komplexesten Weissweinen der Welt zu vergleichen. Trotzdem ist dies keine Herabstufung des Soave an sich. Die Garganegatraube erzeugt vorwiegend säureärmere Weine von frischer Stilistik. Ein Soave kann in der Jugend ein herrlich unaufdringlicher Wein sein, der von Mandeln, Zitrusfrüchten und Blütenaromen geprägt ist. Er kann auch etwas kräftiger ausfallen, eine opulentere, an Apfelmost erinnernde Note besitzen und, wie sich gezeigt hat, länger reifen als vermutet. Für anspruchsvolle Soave wie die Crus von Pieropan sind gut 10 Jahre Flaschenreife durchaus denkbar. Die Weine gewinnen dann an Komplexität, während die fruchtige Komponente in den Hintergrund rückt. Für einen Wein, der Jahrzehnte übersteht, fehlt meiner Meinung nach die Vielschichtigkeit.

Im Vergleich mit anderen grossen Weissweinen mangelt es dann etwas an Druck und Tiefgang bis zum Ausklang. Doch tendenziell gibt ein gelungener Soave einen erquickenden Essensbegleiter par excellence ab. Auch solche Weine sind gefragt. Mit der ruhigen Art, der niedrigeren Säure und der präsenten Frische ergibt sich eine Vielzahl von Essenskombinationen. Ricotta-Nuss-Pasta, Gemüselasagne, Spargelrisotto, die oft kritischen Eierspeisen oder gegrillter Fisch. Das Spektrum ist breit gefächert. Damit landet der Soave gerne an grossen Tafeln, ordnet sich dem Essen unter und schiebt den Anlass in den Vordergrund.

Verkostungsnotizen:

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2013, Monte Fiorentine, Soave Classico, Ca’ Rugate: 100 % Garganega. Ausbau im Edelstahltank. Die Vulkanböden des Monte Fiorentine befinden sich in Monteforte d’Alpone auf knapp 215 m NN. Hellgold, silberne Reflexe. Erinnert in der Nase ein wenig an Sauvignon Blanc. Fruchtiges Bukett, hat Anklänge von Zitrusfrüchten, Mandeln, Aprikose sowie Stachelbeere und grüner Paprika. Im Gaumen wohlstrukturiert, da die Gerbstoffe dezent im Hintergrund mitschwingen. Mittlere Länge. Sehr zugänglicher Soave.
15+/20 –2018

2013, Soave Classico, Coffele: Aus Lagen in Höhe von 250 m NN. Hellgold mit silbernen Reflexen. Anfangs verschlossen in der Nase, mit Luftkontakt Anis, Fenchel und nasse Steine. Fast salzig am Gaumen, schön ausgeprägte 2013er-Säure, keine kitschige Frucht. Soave mit Profil. Sehr gute Basis.
15/20 –2016

2013, Evaos, Soave Classico, Corte Moschina: 100 % Garganega, Stahltankausbau. Strohgelb glänzend. Reduktive Nase, etwas Mandel, grüne Banane, leichte Würze. Im Gaumen noch leicht von der Kohlensäure geprägt (Schraubverschluss), mit knackiger Säure und klarer Frucht. Pfirsich, zarte Kräuter und etwas Stachelbeere. Erinnert an Sauvignon Blanc. Kein ganz klassischer Stil, dafür ein sehr erfrischender Soave.
15+/20 –2017

2013, Castelcerino, Soave Colli Scaligeri, Cantina Filippi: Der Einstiegswein von Filippi. Obwohl es sich um eine frühere Abfüllung für den internationalen Markt handelt, überzeugt dieser reinsortige Soave immens. Goldfarben mit silbernen Reflexen. Sehr klare Nase mit Kalknote. Am Gaumen zart, minimalistisch, fast karg. Speichelziehend, mineralisch, etwas grüne Mandarine und Nashi-Birne. Angenehme Leichtigkeit. Insgesamt dem leichten, trockenen Moselriesling naheliegend. Authentischer Soave aus biodynamischer Erzeugung.
16+/20 –2020

2013, La Capelina, Soave Classico, Franchetto: 100 % Garganega. Von stark eisenhaltigen Böden. Strohfarben. Kräuterige Nase, dezent Heu, dahinter reifes Steinobst. Am Gaumen ausgeprägt phenolisch, mit saftiger Frucht. Pfirsich und reife Banane sind dominant. Benötigt noch etwas Zeit, um sich zu integrieren. Aktuell eher verschlossen. Hat Potenzial.
16/20 –2018

2013, Vin Soave, Soave Classico Inama: 100 % Garganega. Hellgelb, würzige Nase mit Noten von Kamille, Pfirsich und gelbem Apfel. Im Gaumen mittelkräftig, eher füllig und einer der cremigsten Soave. Feine Säure und saftige Frucht. Im Ausklang leicht adstringierend. Vielschichtig!
16/20 –2019

2013, iPrandi, Soave Classico, Marcato: Aus dem Alpone-Tal, Guyot-Erziehung mit hoher Stockdichte. 90 % Garganega, 10 % Trebbiano di Soave. Helles Strohgelb. Weinbergspfirsich und Nelken, leicht rauchig. Im Gaumen äusserst trocken, phenolisch. Gut integrierte Säure, ausgewogene, sehr saubere Frucht, nicht erdig, eher reif und saftig. Sehr konzentrierter Soave mit langem Nachhall. Markant.
16+/20 –2018

2013, II Selese, Soave Classico, I Stefanini: 90 % Garganega, 10 % Chardonnay. Ausbau im Stahltank. Graugold. In der Nase von knackigem Apfel geprägt, leicht blumig, Mandel, Stroh und Weinbergspfirsich. Insgesamt sehr filigran. Im Gaumen aber überraschend kräftig. Nektarine und Granny Smith. Sehr klarer und erfrischender Soave.
15+/20 –2018

2013, Collezione Speciale, Soave Classico, Zenato: 90 % Garganega, 5 % Trebbiano di Soave, 5 % Chardonnay. Hellgold und klar im Glas mit leichtem Grünstich. In der Nase sehr zart. Etwas grüne Banane, Zitronenabrieb und weisse Blüten. Im Gaumen fruchtbetont und geradlinig. Klare und frische Aromatik, gute Balance ob der integrierten Säure. Filigraner Körper.
15/20 –2016

2012, Roccolo Del Durlo, Soave Classico, Le Battistelle: Im Stahltank ausgebaut. Graugold und klar im Glas. Die Nase zeigt sich komplex mit dem Duft reiferer Äpfel und Steinobst. Im Gaumen ebenfalls kräftig und vielschichtig. Erneut trifft man auf reife Äpfel, etwas Honigmelone und Eukalyptus. Cremige Struktur und leichte Schärfenote, die an Ingwer erinnert.
16+/20 –2018

2012, Vigne della Brà, Soave Colli Scaligeri, Cantina Filippi: Dieser Cru wird enorm ertragsreduziert gelesen. 28 hl/ha im Schnitt! Noch leicht von der Hefe geprägt, leichte Dillnote. Am Gaumen stoffiger, deutlich kräftiger und aromatischer als der Castelcerino. Komplexer Soave. Kann reifen!
17/20 –2022

2012, La Rocca, Soave Classico, Pieropan: Die imposante Lage «La Rocca» befindet sich direkt hinter dem Castello, dem Wahrzeichen Soaves. Besonders späte Lese. Ausbau in Eichenholzfässern. Die Besonderheit ist hier aber der lehmhaltige Kalksteinskelettboden. Sattes Goldgrau, in der Nase von klarer Kalknote geprägt, die exotische Frucht im Hintergrund. Im Gaumen dichte Frucht, angenehme Phenolik, Kraft und eine ausgeprägte Mineralik in Form von Feuerstein. Enorme Länge und Ausgewogenheit. Erinnert ein wenig an Grosse Gewächse aus Rheinhessen. Klarer Referenzwein.
17+/20 –2022

2012, Monte Carbonare, Soave Classico, Suavia: 100 % Garganega, Ausbau im Stahltank. Von dunklen Vulkanböden. Volles Goldgelb im Glas, silberne Reflexe. Die Nase ist im Ausdruck sehr mineralisch. Eine Feuersteinnote und Stroh sind im Vordergrund. Die Frucht stellt sich hinten an. Im Gaumen sehr kräftig, viel Extrakt. Eine reife Frucht verleiht dem Wein einen zart süssfruchtigen Ausdruck, obwohl der Wein trocken ist. Sehr kräftiger und anspruchsvoller Vertreter, der lediglich im Abgang etwas länger ausfallen müsste, um ganz oben an der Spitze zu stehen. Fein ausgearbeitete Mineralik! Benötigt Luft.
16+/20 –2019

2011, Calvarino, Soave Classico, Pieropan: Seit 1971 auf dem Markt. Anders als beim «La Rocca» sind hier 30 % Trebbiano di Soave enthalten. Die Böden sind von Basalt, Tuff und Lehm durchzogen. Ausbau im Betontank. Sattes Goldgelb. In der Nase aktuell eher zurückhaltend, mit Anklängen von Limette, Fenchel und Maiglöckchen. Hat im Gaumen ebenfalls eine ausgeprägte, strukturierende Phenolik. Nicht ganz so kräftig wie der «La Rocca». Ausgeprägte Mineralik. Aktuell fordernder und strenger in der Aromatik. Im Abgang schwebt eine dezente und animierende Bittermandelnote mit. Ausgewogen und mit Entwicklungspotenzial.
17/20 –2020

2007, Soave Classico Superiore, Gini: Volles Goldgelb. Entwickeltes Bukett in Form von klarem Apfelsaft, Toffee und Brioche. Mittelkräftig, leicht salzige Komponente, Cashewnüsse, dezent Boskoopapfel und etwas Zimt. Leicht bitter im Abgang, dadurch aber animierend. Erinnert ein wenig an Chardonnay.
16/20 –2016

1999, Monte Pressoni, Soave Classico Superiore, Cantina del Castello: Ein weiteres Beispiel für einen in Würde gereiften Soave Superiore. Dunkles Vollgold im Glas. Ausgeprägte Frucht in der Nase in Form reifer Bananen, Apfelmost und etwas Rumrosinen. Im Gaumen noch kräftig, sehr verdichtet und von gekonntem Holzeinsatz geprägt. Mittlere Länge.
16/20 –2014

1984, Soave Classico Superiore, Gini: Beeindruckendes Beispiel für die Langlebigkeit eines Soave. Sehr schlanker Körper, deutlich entwickelt, aber noch lebendig. In sich ruhend, mit leicht rauchiger Art. Erinnert an gereiften Riesling aus dem Rheingau. Mürbe Bananen, Mandeln und Curry prägen die Aromatik. Lediglich der fehlende Druck und der relativ rasche Ausklang geben Anzeichen, dass der Wein vor einigen Jahren seinen Höhepunkt hatte. Besitzt trotzdem Trinkfluss. Die 11,5 Vol.-% unterstreichen die kühle und zarte Charakteristik des Weines.
16/20 –2014

Beitrag und Foto: Markus Budai

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