Nachruf Mario Scheuermann (1948–2015)

«Man sagt, dass bei manchen Menschen
im Augenblick des Todes ihr ganzes Leben
wie ein Film nochmals abliefe (…).
Bei jungen Weinen ist es umgekehrt.
Lassen wir ihnen Zeit im Glas,
öffnet sich unter Einwirkung von Luft und
Wärme das Fenster ihrer Möglichkeiten»

Zitat Mario Scheuermann: Wein und Zeit

Die Weinwelt hat einen ihrer grossen Liebhaber, Kenner und Kritiker verloren – der WEINWISSER einen seiner besten Autoren: Mario Scheuermann ist am 16. Oktober 2015 unerwartet im Alter von 67 Jahren verstorben. Doch wer war Mario Scheuermann wirklich? Kein Zweifel: Diese Frage kennt mehr als eine Antwort. Ein facettenreicher Mensch, das zeigt alleine schon der Blick auf sein Werk als Buchautor, «Weinreporter», Genussmensch und Verkoster. Scheuermann war einer der ersten «Wein-Social-Media-Aktivisten», nachdem er zuvor bereits den deutschen Weinjournalismus prägte. Müssig wäre daher bereits der Versuch, eine Kurzbiografie als Hommage zu schreiben, ein Ausschnitt muss genügen.

Unter seinen Verdiensten um den deutschen Wein sticht eine Episode besonders heraus: Die Phase von 1985 bis 1987, als der krisengeschüttelte deutsche Weinbau nach einem neuen Leitbild suchte. Scheuermann läutete mit seinem Buch «Deutsche Spitzenweingüter: Klassifikation von 1985» eine Entwicklung ein, die die jüngere Geschichte des Verbandes der Prädikatsweingüter (VDP) zu einem reformierten Spitzenverband ebnete.

Gemeinsam mit Graf Matuschka-Greiffenclau, dem damaligen Eigentümer von Schloss Vollrads, organisierte Mario Scheuermann einen richtungsweisenden «Klassifizierungsgipfel». Die Rheingauer CHARTA-Vereinigung und mit ihr die Klassifizierungsfrage sorgten damals für viele kontroverse Diskussionen: Wie sollte der Wechsel von der bis dahin üblichen Orientierung an Oechslegraden hin zu einer Klassifikation aufgrund der Herkunft gestaltet werden? Sollte sich die Klassifikation eher an Burgund oder an Bordeaux orientieren? Das waren einige der grossen Fragen, die im Raum standen. Selbst unter den beteiligten Weingütern waren nicht alle mit der sich abzeichnenden Linie der CHARTA einverstanden.

Am Ende jedoch mündete der Prozess in eine neue Lagenklassifikation, die dem VDP fortan als Massstab diente. Woher kam Scheuermanns Motivation für dieses Engagement? Bereits in den 1980ern besass er dank seiner umfangreichen Verkostungserfahrung eine präzise Vorstellung davon, wie Wein schmecken kann, der durch seine Herkunft geprägt ist. Ferner erkannte er den Zusammenhang zwischen Preis, Klassifikation und Prestige auf dem Weinmarkt. Aus diesem Grund hielt er, drittens, die deutsche Qualitätshierarchie für einen Fehler.

Dass sich etwas ändern sollte oder könnte an der gängigen Sicht auf die Qualität von Wein, an der Art und Weise, wie wir über Wein denken, ihn geniessen und welche Zeit wir ihm geben, um das «Fenster der Möglichkeiten» voll zu öffnen – diese Vision war eine rote Linie im Schaffen Scheuermanns.

In einem seiner letzten Weinbücher finden sich zwei Kapitel, die hierüber ausführlicher Auskunft geben: «Eine Stringtheorie des Weins» und «cpv statt COS: Für eine andere Mathematik des Weins». Color (Farbe), Odor (Geruch) und Sapor (Geschmack), kurz COS, das waren über Jahrhunderte die drei Dimensionen, mit denen Wein bewertet wurde. Diese «alte Mathematik» des Weines reichte Scheuermann nicht mehr aus, denn «letztendlich wird in einem solchen System der Verstand nicht bemüht».

Aber welche anderen Dimensionen sollten uns ansonsten als Schlüssel zu einem besseren Weinverständnis dienen? Scheuermanns kurze Antwort: Der gesamte Qualitätskontext, bestehend aus Konstanten (c), Parametern (p) und Variablen (v). Konstant ist beispielsweise das Grundmaterial (vergorener Traubensaft), aus dem der Wein besteht.

Die ca. 800 bisher (!) im Wein identifizierten Aromastoffe sind hingegen aufgrund ihres dynamischen Eigenlebens Variablen, mit deren Detailanalyse selbst Önologen ein Leben lang beschäftigt sind. Zu den Parametern zählte Scheuermann alles, was auf natürliche und technisch erlaubte Weise beeinflusst werden kann. Das Management der Weinberge, die Arbeit im Keller – all diese von Menschen gemachten Parameter können relevant sein für das Weinverständnis.

Die grösste Variable in der Gleichung allerdings bleibt der Mensch selbst: «Wir gehören in all unserer Launenhaftigkeit, Situationsbedingtheit und Unberechenbarkeit eindeutig zu den Variablen», argumentierte der leidenschaftliche Weinkenner. Nicht zuletzt deshalb lud Scheuermann Weintrinker und Weinkritiker dazu ein, ihre eigene Urteilsfähigkeit zu hinterfragen. Durch sein Werk sind wir mehr als einem Weinrätsel näher gekommen und damit dem Rätsel, welche Sprachen der Wein spricht. Mario Scheuermann wird uns fehlen!

Nachruf von Thorsten Kogge

 

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