Mario Scheuermann † 2015

Nachruf von Yves Beck

Sagen, schreiben, polemisieren, das können viele. Auch Mario Scheuermann war gut darin. Worin er sich von vielen anderen deutlich unterschied, war beim anspruchsvolleren Machen!

Mario Scheuermann war wirklich ein Macher. Hatte er sich entschieden, sich einer Sache zu widmen, sie zu organisieren und zu gestalten, dann wurde sie durchgezogen, was immer es an Überzeugungen, Gesprächen und vielleicht auch Ärger kostete. Mario Scheuermann war kein Mann der leeren Worte.

Meine erste Begegnung mit Mario war virtuell. Scheuermann war damals sehr aktiv in einem heute nicht mehr existierenden Internetforum. Mir fiel er gleich auf, weil er kein Schönredner war.

Was er schrieb, hatte Hand und Fuß – er traf klare Aussagen, die nicht einfach aus der Luft gegriffen waren. Mir wurde schnell klar: «Mit dem willst du dich nicht anlegen». Ich schrieb schon damals viel über Bordeaux und postete praktisch täglich Weinbeschreibungen über alte und aktuellere Jahrgänge von der Rive droite und von der Rive gauche.

Vor fünf Jahren erhielt ich ein Schreiben von einem mir unbekannten Herrn Stefan Paeffgen, ein Deutscher, der sich in Bégadan, weit oben im Médoc, mit seiner Familie niedergelassen hatte und dort Wein produzierte. Ein gewisser Mario Scheuermann, so Paeffgen, habe ihn in Frankreich besucht und ihm geraten, er solle sich unbedingt mit mir in Verbindung setzen und mir ein Muster von Ch. Le Reysse und Ch. Lassus zustellen.

Ich war schon etwas erstaunt, dass Scheuermann, mit dem ich kaum Kontakt hatte, mich auf diese Art empfohlen hatte. Aber so war der Mario, wenn ihm etwas wichtig war, dann leitete er sofort die notwendigen Schritte ein. Ich bedankte mich natürlich umgehend bei ihm für seine Empfehlung.

Ein paar Monate später, nachdem ich die Weine von Paeffgen verkostet hatte, besuchte ich ihn in Bégadan. Wie es der Zufall wollte, war Mario Scheuermann am selben Tag dort gewesen, ich hatte ihn knapp verpasst. Ich verkostete also die Weine und tauschte mich mit Stephan Paeffgen aus. Natürlich sprachen wir auch über Mario Scheuermann. Schliesslich war ich neugierig, wollte von Paeffgen wissen, was er für ein Typ er ist. Ich stufte ihn als Dogmatiker ein, aber sonst wusste ich wenig über ihn.

Die Antwort von Stefan Paeffgen gab mir viel zu denken: «Mario Scheuermann hat in den besten Tönen über sie gesprochen und mehrmals wiederholt, was sie für ein begabter Verkoster sie wären». Ich war sprachlos und bewegt. Auf alles war ich vorbereitet gewesen, aber nicht auf dieses Lob.

Nun musste ich mich beeilen, denn es war schon spät und ich war für ein Dinner auf Château d’Arsac eingeladen. In letzter Minute, gerade noch rechtzeitig, kam ich dort an. Es waren einige berühmte Weinjournalisten anwesend und ich war sehr beeindruckt, als man mir Steven Spurrier, Jancis Robinson und James Suckling vorstellte.

Die Tischordnung war bestimmt. Ich erhielt einen Zettel mit Tisch- sogar einer Stuhlnummer. Ich konnte nun meinen Augen nicht trauen, als ich an meinem Tisch ankam. Sie ahnen es, mir genau gegenüber sass Mario Scheuermann und begrüsste mich mit einem fröhlichen «Es freut mich, Dich endlich persönlich kennenzulernen». Da war ich baff. Ich dachte, den Scheuermann siezen alle. So entstand eine Freundschaft, die leider viel zu früh endete.

Nach diesem Treffen hatten wir regelmäßig Kontakt und so entdeckte ich einen lieben, humorvollen, begabten und stets hilfsbereiten Menschen. Er war immer bereit, Tipps zu geben.

Irgendwann meinte der leidenschaftliche Facebooker Mario, ich müsste mich unbedingt bei der neuen Social Media-Plattform Ello anmelden, das sei die Zukunft. Überzeugt war ich nicht, aber natürlich habe ich mich angemeldet und damit war das Thema  vom Tisch – erst einmal!

Riesling solle ich jetzt endlich auch mal angehen, meinte Mario als nächstes. Schliesslich könne man ja nicht immer nur über Bordeaux schreiben. Da brauchte er mich nicht lange zu überzeugen! Er machte mich auf verschiedenen Produzenten aufmerksam und sagte mir, was ich bei diesem oder jenem Wein beachten sollte.

Bei der diesjährigen VDP-Verkostung der Grosse Gewächen, die wir im Team zusammen mit Markus Budai und Thorten Kogge für WEINWISSER begleiteten, verkostete er die von mir bewerteten Weinen nach und meinte prompt: «Bei dem hier bist Du am Wein vorbei gegangen, das kann passieren, das nächste Mal einfach besser aufpassen». Aber er sagte auch: «Ich bin froh, dass Du bei diesem Moselwein erkannt hast, wie grossartig der ist!» So war er, der Mario.

Zum letzten Mal traf ich Mario Scheuermann bei eben dieser VDP-Verkostung Ende August 2015 in Wiesbaden. Hier verbrachten wir einen schönen, entspannten und lustigen Abend zusammen. Als wir zusammen fotografiert wurden und er dabei  ein Glas Wasser in der Hand hielt, meinte ich zu ihm: «Die Leute werden sich wundern, was Du mit diesem Glas Wasser wohl machst». Er antwortete: «Ach was, wir erzählen einfach, das sei ein Gin Tonic gewesen…». Und dann mussten wir beide lachen. Das ist meine letzte Erinnerung an Mario: ein lautes Lachen. Danke, mon ami.


Nachruf von Markus Budai

Die Weinbranche ist enorm klein. Eigentlich kennt jeder jeden. Und kennt man sich mal nicht persönlich, dann kennt man sich über eine Ecke. Folglich ist es Usus, sich zu duzen. Mario Scheuermann habe ich immer gesiezt. Nicht aus Distanz, sondern aus grossem Respekt. Respekt vor seiner Erfahrung, seiner Arbeit, der Vielzahl seiner Projekte.

Mario Scheuermann war eine Konstante in der Weinwelt, auf die man sich verlassen konnte. Ich erinnere mich ganz gut, als er mich erstmals im Auftrag des WEINWISSER kontaktierte. Wir kannten uns zuvor als Kollegen, durch das gegenseitige Lesen der Artikel, auch über Facebook rief er mich immer wieder, wie viele Kollegen, persönlich dazu auf, an einer Diskussion teilzunehmen oder sich für eine neue Plattform anzumelden.

Scheuermann war ungewöhnlich zukunftsgewandt und neuen Trends in den sozialen Medien gegenüber sehr aufgeschlossen. Ausserdem beobachtete er aufmerksam englischsprachige Medien und Kollegen. Unser erstes Telefonat dauerte eine gute Stunde und dabei tauschten wir uns über allerlei Weinthemen und Regionen aus. Damals kam ich gerade von einer Weinreise aus Soave, hatte glücklicherweise genügend Material gesammelt – rund 100 Verkostungsnotizen. Mario war dies natürlich noch nicht genug, also prüfte er die Notizen und forderte ein halbes Dutzend weitere Muster an, die dann auf meinem Schreibtisch landeten. Weine, die seiner Meinung nach unbedingt in meine Besprechung gehörten. Diese Arbeitsweise war prägend für ihn.

Ich glaube, es gibt in der Weinbranche nur noch eine Handvoll Journalisten, die derartig selbstständig und im Sinne einer echten Recherche arbeiten. Journalisten, die Statistiken selbst über Jahre anlegen, vor jedem Artikel erst Telefonate führen, in alte Geschichtsbücher blicken und Kartenmaterial sammeln, sich nicht nur dazu Gedanken machen, wie einzelne Weine zu bewerten sind, sondern wie eine ganze Klassifikation den Wein nach vorne bringen könnte.

Mario Scheuermann war in seiner Arbeit enorm enthusiastisch und konnte damit auch Kollegen anstecken. Alles musste sofort geschehen, aber eben stets mit der erforderlichen Sorgfalt. Zahlreiche Diskussionen sind noch offen geblieben und genau so viele Flaschen verschlossen, die man zu einem Zeitpunkt hätte geniessen wollen.

Was aber definitiv bleibt, ist die Erkenntnis, dass es in Deutschland kaum jemanden aus der Weinbranche gibt, der nicht über eine Ecke mit Mario Scheuermann verbunden war oder Teil eines seiner vielen Projekte. Meine ersten Wein-Erfahrungen tauschte ich im Talk-about-Wine-Forum aus. Es war mein persönlicher Türöffner in die Weinwelt und vielleicht hätte ich ohne dieses Forum niemals Zugang zum Wein gefunden. Denn den nötigen Erfahrungsaustausch bekam ich nur dort. Es wurde von niemand geringerem als Mario Scheuermann betrieben und dies bereits seit 2002.

Es war noch nicht wirklich die Zeit der Blogs, man agierte auf einer geschlossenen Plattform, konnte sich dafür aber in kurzer Zeit ein ungeheures Wissen anlesen und Erfahrungen austauschen. Das Strukturen schaffen zieht sich durch alle Kontakte, die ich mit ihm hatte. Scheuermann war zwar jemand, der gerne über seine Tätigkeiten berichtete, er war aber auch jemand, der immer andere Persönlichkeiten förderte, ein gutes Wort für sie übrig hatte oder Aufmerksamkeit erzeugen konnte für Projekte, lesenswerte Artikel und Entwicklungen.

Sicher hatte Mario Scheuermann auch kurz vor seinem Tod noch unzählige Projekte, die er schon lange in Planung hatte, um sie zum geeigneten Zeitpunkt aus der Schublade zu ziehen. Zahlreiche Schubladen bleiben nun verschlossen und damit sicher auch so manch Türe für eine vielfältigere Weinwelt.


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