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Grosse Gewächse 2019 – die Jahrgangsanalyse mit den Top-Perfomern

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Grosse Gewächse 2019 – die Jahrgangsanalyse mit den Top-Perfomern

Geniale Liaison aus Reife und Frische

Der Jahrgang 2019 war mit Hitzerekorden erneut ein bemerkenswerter Prüfstein dafür, wie gut die besten Winzer Deutschlands inzwischen mit dem doch immer häufiger und komplexer werdenden Thema Trockenheit und Hitze umgehen können. Denn während man früher um Reife kämpfen musste (und diesen Kampf nicht selten verlor), hat sich zuletzt dank „Global Warming“ das Blatt gewendet. Deutschlands Winzer gelten als Gewinner dieser Entwicklung. Reife ist schon lange nicht mehr das Thema. Das ist nur eine Seite der Medaille. Denn inzwischen ist auch klar, dass viel Sonnenlicht und wenig Regen keine Garanten für einen großen Jahrgang sind – sie bringen neue Herausforderungen. Das haben wir bereits 2018 gesehen.

2019 war zwar auch erneut von viel Sonne und Trockenheit geprägt, aber nicht ganz so extrem wie im Vorjahr. Vor allem war der August deutlich kühler. Die kalten Nächte drosselten den Reifeprozess, stabilisierten die wichtige Säure und förderten eine komplexere Aromenbildung. In einigen Regionen sorgte über das Jahr hinweg die richtige Portion an Regen für Entspannung der Rebstöcke. Auch sind die Erträge niedriger. Entsprechend präsentiert sich 2019 insgesamt viel frischer, harmonischer und finessenreicher. Der höhere Anteil an Weinsäure balanciert die Weine viel besser aus. Was den Jahrgang ganz besonders und in der Spitze gross macht: Eine geniale Liaison aus Reife und Frische. Damit ist 2019 der größere Jahrgang gegenüber 2018.

Dennoch entpuppte er sich als viel heterogener als einige dachten und lässt schon früh im Jahr geäußerte Aussagen wie „Vintage of the century“ als voreilig erscheinen. Dazu gibt es hinter einer sehr starken Spitze und einem guten oberen Mittelfeld in der Breite zu viel Mittelmaß und auch einige fragwürdige Weine, die dem Anspruch „Grosses Gewächs“ nicht gerecht werden. Denn neben Winzerkunst war es auch ein Jahr der Terroirs. Ein entscheidender Faktor: die Wasserversorgung der Reben – wasserspeichernde Lagen und humusreiche Böden brachten Vorteile. Wer damit gesegnet war und es zu nutzen wusste, konnte ganz grosse Weine machen. Licht und Schatten ist nahe beieinander. Man muss also mehr denn je selektionieren.

Dazu soll unsere auf neudeutsch „Executive Summary“ eine wertvolle Orientierung geben. Gleichzeitig verkosten wir in Ruhe gezielt nach und arbeiten mit Hochdruck wie gewohnt an einem GG-Sonderheft mit ausführlichen Verkostungsnotizen, Bestenlisten, Interviews und vielen Spezials, die als Printausgabe spätestens Ende September erscheint.

612 Neuerscheinungen: In der Spitze grandios, dahinter ging es heterogen zu

Licht und Schatten
Wo zu viel Licht auf die Traube trifft, gibt es auch Schattenseiten, könnte man salopp sagen, um im Bild zu bleiben. Extremer Trockenstress und Sonnenbrand machen sich nämlich geschmacklich negativ bemerkbar und so hatten die Winzer auch in 2019 damit zu kämpfen. Das war also erneut eine der Herausforderungen und sah Weine aus tiefgründigen, wasserspeichernden Lagen (Ton- und Mergelböden und Kalklagen mit guten Wasseradern) im Vorteil. Und klar kommt in solchen Jahren vor allem der Weinbergsarbeit, dem Laubwandmanagement, dem Alter der Reben und der Tiefe ihres Wurzelsystems eine entscheidende Rolle zu. „Wir hatten über die heißen Tagen auf den Laubschnitt weitgehend verzichtet und so deutlich mehr Beschattung der Trauben“, erklärt Philipp Wittmann aus Westhofen. Er – wie auch sein Kollege Hans Oliver Spanier, den ich für die Printausgabe insbesondere zu diesem Thema interviewt habe – sieht in solchen Jahren die biodynamische Arbeitsweise im Vorteil. „Die Reben reagieren nicht so schnell auf schwierige Umstände, die Wurzeln gehen tief in die Erde und holen sich Ihren Bedarf aus den unteren Schichten“, so Wittmann. Doch zurück zum Jahrgang.

Verkosten mit Abstand: Die VDP.Vorpremiere bot auch unter den erschwerten Auflagen optimale Bedingungen

Die besseren und ausgezeichneten Weine bieten neben einer bezaubernden Frucht ein Mehr an Frische, Tiefe und Finesse gegenüber dem Vorjahr. Dank höherer Extrakte auch ein mehr an Dichte und Länge. Doch eben nicht überall. Denn in den nördlichen Gebieten, besonders an der Mosel, hat es in die Lese reingeregnet und mancherorts für Botrytis gesorgt, entsprechend ist der Jahrgang heterogener und für mich sogar noch unter 2018, der dort in der Breite schon mit einigen süsslich und mollig schmeckenden Weinen als Ganzes nicht ganz einfach war. „Durch den Regen war der Herbst viel anspruchsvoller als in 2018“, bestätigt Thomas Haag von Schloss Lieser den heterogenen Eindruck. „Man musste wahnsinnig viele Selektionen machen und jede Traube kontrollieren.“

Rieslinge mit schiefermineralischer Brillanz
Haag ist dennoch hochzufrieden mit dem Jahrgang. Kann er auch. Denn Schloss Lieser ist seit Jahren ein Leuchtturm an der Mosel und hat einmal mehr mit herausragender Kollektion gepunktet, vor allem der Niederberg Helden (ebenso Juffer-Sonnenuhr) ist so ein territorialer Wein mit unverwechselbarer schiefermineralischer Brillanz, der wie aus dem Schieferfelsen gehauen scheint. Auch bei Heymann-Löwenstein ist das in den vergangenen Jahren regelmäßig der Fall, die Weine sind deutlich territorialer, zupackender und schlanker geworden. Zur aktuellen Kollektion gab es allerdings ein paar kritische Stimmen. Mir gefielen die 2019er sehr gut, nur der 2018er war mir (noch) zu sehr von Hefe, karamellartigen Noten und Holz geprägt, manch einer will hier einen Montrachet hineininterpretieren.

Ähnlich das Bild bei den 2018ern vom ansonsten sehr geschätzten Clemens Busch. Mit diesen Weinen hatte ich meine Schwierigkeiten, der Duft war diffus und mit unvorteilhaften Noten. Auch das werde ich in Ruhe nachprobieren, bevor wir ad hoc Bestenlisten veröffentlichen. Der junge Knebel zeigt hingegen mineralisch-prägnante Weine aus seinen atemberaubend steilen Lagen, beide GGs sind sehr gut gelungen. Bei Van Volxem sieht man, wie heterogen der Jahrgang ist: Konnten in den vergangenen Jahren so ziemlich alle Saar-Lagen auftrumpfen, war das Bild in diesem Jahr gemischter. Beide von mir zuletzt hochgelobten Scharzhofberger sehe ich unter Vorjahresniveau. Auf sehr gutem und homogenem Niveau sind die Weine von Fritz Haag, unter anderem mit einem beachtlichen Versteigerungswein Juffer-Sonnenuhr „Im Falkenberg“. Es gab noch ein paar weitere sicherlich erwähnenswerte Weine, auf die ich dann in der Printausgabe eingehen werde, aber auch (zu) viel Mittelmaß.

Gewinner des Jahrgangs
Die Nahe, Rheinhessen, vor allem der Wonnegau mit seinen Kalkböden und deren wasserspeichernden Tonauflagen, und grosse Teile der Pfalz sind die Gewinner des Jahrgangs und stehen teilweise deutlich besser da als in 2018. Die Nahe war für mich erneut die Region, die sich am homogensten und stärksten zeigte. „Der Jahrgang 2019 erwies sich als fast schon klassisch in seiner geschmacklichen Ausprägung – viel kühler in der Art als sein Vorgänger 2018“, bestätigt Frank Schönleber vom Weingut Emrich-Schönleber. Er sieht Ähnlichkeiten zu den warmen Jahrgängen 2015 oder 2009. „Reif und stoffig, mit guter Säure und mineralischer Präzision“, ergänzt er.

Schäfer-Fröhlichs Kollektion gehört erneut zu den besten des Landes mit einem noch nie so beeindruckenden Frühlingsplätzchen, der selbst mit Felseneck und Halenberg auf Augenhöhe tritt. Auch die restlichen GGs sind top. Der berühmte Ritt auf der Rasierklinge war in diesem Jahr etwas domestizierter. Ein ähnlich hohes Niveau erreicht Emrich-Schönleber – mit dem vielleicht besten Wein an der Nahe (und damit bundesweit) „Auf der Ley“ (siehe hierzu meine bereits veröffentlichten Punkte der Versteigerungsweine). In diesen Flights waren besonders die Lagenduelle mit Schäfer-Fröhlich extrem spannend. Auch Dönnhoff brillierte mit starker Kollektion, in der besonders die Brücke und die Hermannshöhle ganz oben zu finden sind. Diese drei Güter bilden ziemlich geschlossen die Gebietsspitze. Beim Schlossgut Diel sticht das kraftvolle Goldloch hervor, wobei das Pittermännchen mit seiner prägnant mineralischen und verspielten Art noch etwas feiner ist. Gut Hermannsberg zeigt sich sehr solide und recht homogen, bei dem einen oder anderen Wein mit etwas mehr die Mineralität begleitende Frucht wie beim beachtlichen Rotenberg. Bei Kruger-Rumpf zeigt der Trend mit charaktervollen, packend-würzigen Rieslingen weiter nach oben.

Wonnegau vor Roter Hang
In Rheinhessen dominieren das Trio Keller, Wittmann und Battenfeld-Spanier. Hier finden sich einige Weltklasse-Weine, vor allem aus den Wonnegauer Lagen. Wäre der Wonnegau eine eigene Region, stünde er der Nahe in nichts nach. Der Rote Hang kommt da nicht ganz ran, vermutlich war es dort schon zu trocken, dennoch schafften es Gunderloch und Kühling-Gillot zu punkten. Im Querschnitt waren mir die Weine aber etwas zu karg und hatten nicht ganz die mineralische Fruchtbrillanz und Tiefe wie die Pendants aus dem Wonnegau. Das bestätigt Hans Oliver Spanier, der beide Terroirs wie seine stets eleganten Westentaschen kennt. Schließlich verantwortet er die Weine zweier Top-Betriebe wie Battenfeld-Spanier (Wonnegau) und Kühling-Gillot (Roter Hang): „Im Roten Hang arbeiten wir mit unheimlich vielen Maßnahmen zur Feuchtigkeitsspeicherung. Die Mühen dort sind ungleich höher, um die Wasserversorgung hinreichend hin zu bekommen.“ Das hat sich ausbezahlt, allen voran beim Rothenberg, der mit 12 %-vol. eine mineralisch-ätherische Quintessenz des Roten Hangs abbildet.

Traumhafte Kollektion: Kellers aktuelle Weine gehören zu den besten des Landes (in Kürze erfolgt hierzu ein Spezial mit allen Notizen und Bewertungen)

Exemplarisch und zu den besten des Landes gehörend die beiden druckvollen und enorm vielschichtigen, tiefgründigen und geheimnisvollen Morsteine von Keller und Wittmann sowie der hochelegante, in sich ruhende, feminine Frauenberg, der für mich hier eine neue Benchmark setzt. Eine Lage, von der man sicherlich noch viel mehr hören wird. In jedem Fall drei superbe Weine, die ganz vorne in der ersten Reihe sitzen.

Auf die herausragende Kollektion von Keller, die ich bereits vor einigen Wochen ausführlich verkosten durfte mit einem magischen G-Max und anderen superben Weinen, gehe ich demnächst separat ein. Eins vorab: Es ist ein grosses Jahr bei ihm. „Ich sehe ihn als hypothetischen Blend aus 2001und 2004“, sagt Klaus Peter Keller. Die Punkte seiner und anderer Versteigerungsweine habe ich bereits in WW 08/20 veröffentlicht und kann hier als Einzelheft erworben werden. Ebenso wird es ein Spezial geben zu der spannenden Vertikale von Battenfeld-Spaniers Frauenberg versus Kühling-Gillots Pettenthal – ein Winemaker, zwei Terroirs. Das war eine extrem erhellende Verkostung!

Pfalz mit Überraschung
In der Pfalz gab es mit Mosbach an der Spitze der Riesling-Pyramide (gemeinsam mit Rebholz) eine echte Überraschung, gefolgt von Christmann, der bei Rot und Weiss aus der Lage Idig einen frischeren, finessenreichen Stil gewählt hat und mit beiden Weinen ziemlich weit vorne ist. Sabine Mosbacher-Düringer, die auf exzellente Grosse Gewächse stolz sein kann, schätzt den Jahrgang ähnlich ein wie 2017, „vielleicht sogar einen Tick besser, weil die Extrakte auch höher liegen.“ Ausdruckstarke Weine sowohl in Rot und Weiss kommen auch wieder von Rebholz, der in allen drei Kategorien punktet (Riesling, Weisse Burgunder und Spätburgunder). Hansjörg Rebholz, der 2017 glaubte, „vielleicht noch nie einen besseren Kastanienbusch gemacht“ zu haben, betont die angesichts des doch recht warmen Wetters „überraschende Präzision der Rieslinge“, die durchaus an die 2017er anknüpfen könnten.
Hervorragende Weine kommen zudem von Bürklin-Wolf, Friedrich Becker, Knipser (beide Rot) und Bassermann-Jordan auf hohem Niveau, Rings und Pfeffingen setzen ebenso wichtige Duftmarken und auch Acham-Magin fiel positiv auf.

Ein neuer „Super-Grand-Cru“ aus dem Hause Weil
Im Rheingau ist Kühn mit seinen 2018er GGs sehr stark, erstaunlich, wie fest und griffig die Weine trotz des heißen Jahrgangs sind. Ich sehe in diesem Jahr den grandiosen St. Nikolaus ein Hauch vor Doosberg. Das sind substanzreiche Weine, die in Punkto Länge, Tiefe, Dichte und wiedererkennbarer Aromatik ziemlich singulär sind. Und sie sind unter Peter Bernhards Ägide noch präziser geworden. Auch die 2019er zeigen viel Brillanz und Biss. Künstler punktet mit einer starken Hölle, die zu seiner Besten des Jahrzehnts gehören dürfte. Weil präsentierte erneut einen immer fester werdenden Gräfenberg und überraschte im Rahmen einer sensationellen Gräfenberg-Vertikale zurück bis 1917 – im wahrsten Sinne des Wortes – mit dem neuen, kürzlich vorgestellten Versteigerungswein „Monte Vacano“, der preislich weit über den GG stehen wird und ein sehr gelungenes Debut feierte (darauf werde ich für die Printausgabe separat eingehen, mit Interview mit Wilhelm Weil). Im Rheingau stehen noch einige Nachverkostungen an. Auch hier war der Herbst wegen des wechselhaften Wetters nicht ganz unproblematisch. Zu den weiteren Regionsgewinnern zählen Leitz mit Schlossberg und Kaisersteinfels, Oetingers Marcobrunn, Wegelers Rothenberg, Spreitzers Wisselbrunn und St. Nikolaus.
Wer hier die Spitzenweine von Theresa Breuer vermisst, diese werde ich erst demnächst verkosten. Zusammen mit einigen VDP-Spitzen. Ebenso jene von Prinz.

In Teil 2 geht es weiter mit Franken, Württemberg und Baden sowie mit den weissen und roten Pinots, die nicht durchgängig halten konnten, was der an sich gute Jahrgang versprach. Auch wenn der Trend zur früheren Lese bemerkbar ist, sind manche Spätburgunder einfach zu reif, mit austrocknenden Gerbstoffen. Aber die Spitze mit Paul Fürst, Huber, Keller (Dalsheim), F. Becker, Knipser, Rebholz, Stodden und Franz Keller ist auch hier herausragend. Überraschend stark und mit frischerem Stil in diesem Jahr der finessenreiche Idig von Sophie Christmann.

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