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Die Highlights von Giuseppe Lauria und dem gesamten WEINWISSER-Team

Ein Füllhorn an Delikatessen in Zeiten von Covid-19

Die Highlights von Giuseppe Lauria und dem gesamten WEINWISSER-Team
Ein Füllhorn an Delikatessen in Zeiten von Covid-19

Während sich ein erneut ereignisreiches Jahr mit einem sich mit Blick auf die Pandemie turbulent ankündigendem Winter dem Ende neigt, ist es Zeit, in uns zu gehen und noch einmal die grandiosen Weinerlebnisse Revue passieren zu lassen. Zum Glück war dies in 2021 über große Strecken wieder möglich. Doch die neue Omikron-Variante sorgt schon für neue Unsicherheiten und könnte zu neuen Verwerfungen führen.

Während ich im vorletzten Jahr mit Blick auf die Pandemie zu dieser Rubrik «What a year a difference makes» schrieb, könnte ich in diesem Jahr von einem «Dejà-vû-Jahr» sprechen. Beschränkungen im Frühjahr mit erneuter Absage der ProWein, unbekümmerter Sommer mit sehr vielen schönen Events und Reisen. Doch jetzt wieder ein turbulenter Winter mit weitreichenden Beschränkungen. Die Ereignisse gleichen sich und man fragt sich, welche Lehren die politisch Verantwortlichen aus dem Schlamassel des Vorjahres im Sinne eines «Lesson Learned» gezogen haben? Auch heuer sind wir in der nunmehr vierten Welle hinter der Kurve, wie die Engländer sagen. Für viele Event, Markt- und Messebetreiber sowie für die Gastro ist das Weihnachtsgeschäft schon Anfang Dezember so gut wie verhagelt.

Aber gut, lassen wir uns davon den Genuss und die Laune nicht verderben. Und für uns Weinliebhaber gab es doch über weite Strecken des Jahres weitgehende Erleichterungen, auch wenn wir mit Blick auf die abgesagten Messen noch sehr weit vom «Normalzustand» entfernt sind. Vor vier Jahren bat ich unsere Autoren zum ersten Mal, ihre persönlichen Weinerlebnisse des Jahres aufzuschreiben. Und bei Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, ist das auf reges Interesse gestoßen, sodass wir das gerne weiter fortsetzen. Für die einen besteht der einzigartige Weinmoment aus edlen und sehr raren Weinen, für andere zählt die Entdeckung eines neuen Weines oder die besonderen Umstände seines Genusses. Was genau die Emotionen beim Weintrinken oder Entdecken auslöst, ist höchst individuell. Und das ist auch gut so!

Die Qual der Wahl

Zurückblickend hat man natürlich immer die Qual der Wahl. Das Jahr brachte trotz Covid-19 doch einige herausragende Verkostungen. In unserer Interviewserie Wein.Persönlichkeit des Monats frage ich die Gesprächspartner regelmäßig nach dem Wein für die berühmte einsame Insel. Da kommt es für viele zum schwierigen Schwur. Dahingegen ist die Entscheidung für ein Weinerlebnis des Jahres deutlich leichter, es ist ja nicht für die Ewigkeit.

So gibt es trotz der vielen Degustationen immer wieder Highlights, einzigartige, ganz besondere Weine, die einen fesseln und Gänsehaut auslösen. Verkostungen, die man nicht vergisst. Weine, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Solche, die pure Glücksgefühle auslösen. Deswegen habe ich unsere Autoren nach ihrem Weinerlebnis des Jahres gefragt, dabei ist diese großartige Sammlung an wirklich wunderbaren Kreszenzen und Erlebnissen zusammengekommen – zurück bis 1943! Ganz nach dem Motto: Der beste Ort, um einen Wein aufzubewahren, ist immer noch der Kopf. Oder wie Jochen Schweizer in seinem TV-Spot sagt: «Wenn man alles aufschreibt, was man besitzt, dann hat man am Ende nur eine Liste. Wenn man aber alles aufschreibt, was man erlebt, ja, dann hat man eine Geschichte.» In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Genuss beim Miterleben dieser und beim Erleben eigener Geschichten. Vielleicht mit einem der vielen spannenden Weinen aus dieser Ausgabe.

 

Der perfekte Masseto mit der Traumnote 20/20

von Giuseppe Lauria

Längst hat das Kult-Label Masseto aus der Frescobaldi- Dynastie sein eigenes Reich. Ein spektakuläres dazu, das vor rund drei Jahren mit einer wunderbaren Eröffnungsfeier mit dem «Who is Who» der Weinwelt gebührend eingeweiht wurde. Den ausführlichen Beitrag mit einer Vertikale des Masseto zurück bis 1996 finden Sie auf den Seiten 8 bis 10 in Ausgabe WW 08/19. Dazu passend habe ich ein spannendes und in die Tiefe gehendes Interview mit Axel Heinz geführt, das Sie als Abonnent vorab in unserer Datenbank lesen können. Er ist der Mann, der als Gutsdirektor und Chefönologe diese beiden Frescobaldi-Ikonen verantwortet. «Jeder ist König im eigenen Reich», sagt der smarte Lockenkopf auf die Frage, ob sich die beiden Preziosen intern nicht Konkurrenz machen. Wobei der Masseto längst ein Collectible mit schwindelerregenden Preisen geworden ist. Die Böden von Masseto bestehen aus dem berühmten blauen und gelben Lehm, Sand und Kies. Er sorgt dafür, dass die Niederschläge nicht durchsickern, sondern gespeichert werden, was angesichts zunehmend trockenerer Jahre ein erfolgsentscheidender Vorteil sein kann. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, den neuen Massetino sowie zwei große Jahrgänge Masseto zu verkosten. Unter anderem den schier sensationellen 2016er mit eben solcher Note von 20/20.

2016 Masseto: Ich habe es bereits an anderer Stelle geschrieben. 2015 und 2016 läuten eine qualitative Zeitenwende in Bolgheri ein, denn sie sind – jeder für sich – zwei ganz starke Jahrgänge. Und so zeigt sich dieser sensationelle Masseto noch einen Tick frischer als der ebenso ganz große 2015er. Ganz sicher noch ein Baby, aber eines, das es faustdick hinter den Ohren hat und vor einer ganz großen Zukunft steht. Von Anfang an eine extrovertierte, große Persönlichkeit mit einnehmender Ausstrahlung: Ungemein komplex und weit gefächert mit kräuterwürziger Kulisse, extrem vielschichtig verwoben mit hedonistischer Süße, super verführerisch mit aparten Noten von feinsten Trüffeln, Minze und Eisen, deutlich dunkelwürziger und mit mehr Tiefenstaffelung gegenüber dem 2018er, der auch schon unfassbar gut ist, von verschwenderischer Extraktsüße und eleganter Fülle gepaart mit seidiger Textur. Im schier endlosen Finale dann wieder mit dieser warmen Kräutrigkeit und herrlich feinsinnigen Macchia-Noten. Die Quadratur des Kreises! Da gibt es nur eins. Die perfekte Note! 20/20 2026 – 2040

 

DIE spanische Institution

von Jürgen Mathäß

2012 Vega Sicilia Unico:  Seit vielen Jahren besticht der berühmteste Wein Spaniens mit einer fantastischen Verbindung von Samtigkeit, Kraft, Eleganz und Langlebigkeit. Dies macht ihn auch in Zeiten starker stilistischer Angleichungen noch wiedererkennbar. Erstaunlicherweise bleibt die betörende Stilistik erhalten, obwohl in Weinbergen und Keller erhebliche Modernisierungen stattfanden. Die Gärung in großen Holztanks blieb allerdings ebenso erhalten wie die langjährige Lagerung in Fässern unterschiedlicher Größe und Eichenherkunft. Nach wie vor wird der Unico frühestens nach 10 Jahren freigegeben. WEINWISSER durfte den 2012er ein paar Monate früher verkosten. Er ist schon jetzt ein Traum in Samt und DIE spanische Institution Seide mit unnachahmlicher Tiefe, zauberhafter Verbindung von Fruchtigkeit (Pflaume, Kirsche und ein Hauch Orangenschale) und einem Hauch röstig-nobler Klassik – betörendes Aroma. Seidig-noble Textur dominiert auch das wunderbare Mundgefühl mit weichen Tanninen und guter Säure, beides überhaupt nur bei bewusster Beachtung zu spüren, da einzigartig eingebunden. Bei diesem Wein ist alles auf unnachahmliche Art ausgewogen, als könne es gar nicht anders sein. In dieser Harmonie dennoch mit jedem Schluck neue Aspekte zu entdecken, betont die Größe dieses Wunderwerks, an dem – wer eine oder mehrere Flaschen ergattern kann – noch viele Jahre neue Finessen entdeckt werden können. 19.5/20 2022 – 2045

 

Zwei Granaten aus Deutschland

von Michael Schmidt

1943 Assmannshäuser Höllenberg, Spätburgunder Naturrein, Hessische Staatsweingüter: Nachdem Chefredakteur Giuseppe Lauria dem 1945er-Pendant im vergangenen Jahr schon die perfekte Note gab und damit vorgemacht hat, dass man auch einem deutschen Pinot Weltklasse attestieren kann, kommt ein weiterer Geniestreich aus der Staatsdomäne – ebenfalls aus den Kriegsjahren. Der beste Pinot Noir, den ich jemals das Vergnügen hatte zu verkosten und zu trinken, nicht ein, nicht zwei, sondern dreimal. Eine Hommage an das weibliche Geschlecht. Nicht weil der Wein feminin wirkt, sondern weil er von Frauenhänden geschaffen wurde, vom Rebstock bis in die Flasche. Der Assmannshäuser Höllenberg von der Staatsdomäne aus dem Jahrgang 1943. Auch 2021 noch kein bisschen müde, ein Monument der deutschen Weinkultur. Und an alle Zweifler: macht Euch mal ein bisschen mit der Geschichte dieses Weins vertraut, der im 19ten und 20ten Jahrhundert öfters zu höheren Preisen gehandelt wurde als die besten Burgunder. Ich sage nur «Auerbachs Keller». Was? Noch nie von Faust gehört? 20/20 trinken

2020 Felsentürmchen GG, H. Dönnhoff: Die Steine des Felsentürmchens sind noch unbehauen. Ein Liebling der Massen wird es nie werden. Aber wenn sich die Hermannshöhle, vermutlich wegen ihrer größeren Fruchtigkeit, und die Brücke mit ihrem Monopolstatus immer wieder als Darlings treuer Dönnhoffjünger und auch vieler Weinkritiker herausschälen, messe ich meinen Favoriten an anderen Kriterien. Helmut hatte Tränen in den Augen, als wir die Verkostung dieses Granits zusammen zelebrierten. Die Damen werden es ihm nachsehen, dass er diesen Wein maskulin nannte. Steinhart, Mineralität pur, kühl. Das Ende meiner Suche nach dem heiligen Gral des trockenen Rieslings. 20/20 2024 – 2036

 

Potenzial für die Perfektion

von Frank Kämmer MS

2014 Montrachet, Domaine de la Romanée- Conti: Wenn es darum geht, welches der beste Weißweinjahrgang des abgelaufenen Jahrzehnts im Burgund ist, stelle ich immer wieder zu meiner großen Überraschung fest, dass viele Weinliebhaber den 2014er gar nicht auf dem Schirm haben. Das mag vielleicht daran liegen, dass die roten 2014er eher mittelmäßig ausgefallen sind, oder aber, dass dieser «klassische» Jahrgang von Blockbustern wie 2019 oder Fruchtbomben wie 2015 überschattet wird. Wer aber mineralische Spannung allzu expressiver Frucht und Länge statt Breite vorzieht, der wird am 2014er nicht vorbeikommen. Und an was könnte man das besser überprüfen als an einer der nur 3.160 abgefüllten Flaschen des Montrachet von Potenzial für die Perfektion DRC: Brillantes Bouquet mit perfekter Balance von hochkomplexer, strahlender Frucht und mineralischer Würze mit Anklängen von Anis, Kardamom und Rauchmandeln. Schwebende Größe am Gaumen, aber dennoch scheinbar ohne jede Schwere. Einerseits in sich ruhend, andererseits mit geradezu vibrierendem Kern und mundwässernder mineralischer Salzigkeit. So viel Energie, so viel Persönlichkeit, so viel Souveränität! Weder jung noch reif sondern schlicht «lebend». Immense Präsenz, ohne dabei vordergründig raumgreifend zu sein. Die Cremigkeit der Lage ist schmeckbar, aber nicht fühlbar. Minutenlanges, schillerndes Finish. Schon ganz groß, aber man spürt, da kommt noch was. Die Traumnote zum Greifen nah. 19.5+–20/20

 

Palmer im Lion d’Or

von Tjark Witzgall

Das Lion d’Or in Arcins ist eines der urigsten Gasthäuser im Médoc. Auf der Speisekarte gibt es deftige Speisen wie beispielsweise Kalbskopf oder Nieren. Während meines letzten Besuches traf ich dort James Sichel (Angludet & Palmer) und Stephen Carrier (Fieuzal) und jeder brachte eine bzw. zwei Flasche(n) 2011er mit. Mein persönliches Weinerlebnis war dabei der 2011er Palmer:

2011 Chateau Palmer: Undurchsichtiges Purpur mit schwarzer Mitte und zartem rubinrotem Rand. Ein verführerisches Parfüm betört alle Sinne, reife Alpenheidelbeere, Brombeerkonfitüre und Lakritze. Im zweiten Ansatz dichter Veilchenstrauß, schwarze Kirsche und dunkles Karamell. Am sublimen Gaumen mit einer Textur wie Samt und Seide, die Tannine schmiegen sich perfekt an, ganz leicht den Modellathleten stützend. Im nicht enden wollenden Finale ein Feuerwerk mit blauen Beeren, edler Cassiswürze und royaler Adstringenz. Der raubt einem (förmlich) den Atem. Ist das der Wein des Jahrganges? 19+/20 –2055

 

Traumhafte Kombi von Wein & Speise – Top-Barolo & Agnolotti del Plin

von Thomas Boxberger

2015 Barolo Lazzarito, Vietti: Große Weinerlebnisse gehen oft einher mit kulinarischen Genüssen und schaukeln sich dann eben miteinander auf zu einem unvergesslichen Ereignis, an das man sich noch lange rückbesinnt. So erst kürzlich geschehen im Piemont zur Trüffel-Zeit. Das Ristorante Guido im Villaggio Narrante, das zum Erzeuger Fontanafredda bei Alba gehört, ist eines der besten Restaurants des Piemonts. Im legendären Vorläufer Da Guido in Costigliole d’Asti war ich schon damals häufiger zu Gast. Nun kocht der Sohn Ugo Alciati im neuen Guido. Zur traditionellen Pasta «Agnolotti del Plin», die Alciati in unvergleichlich klassischer Weise interpretiert, konnte der Barolo Lazzarito 2015 von Vietti schlicht und ergreifend perfekt brillieren. Ich persönlich genieße solche Weine lieber jung als alt. Und doch hatte sich dieser Jahrgang bereits so wunderbar geöffnet, mit brillanter, dunkler Frucht, wundervoller ätherischer Würze und grandioser feinkörniger Gerbstoffstruktur, die mit der langen Säure und der nachschwingenden Extraktsüße im Abgang ein echtes Feuerwerk entfachte. Und immer wieder Agnolotti und ein Schluck Lazzarito. Traumhaft. La vita e bella! 19/20 – 2035

 

Vielschichtig, subtil & energiegeladen!

von Alexander Magrutsch

2020 Ried Pellingen Grüner Veltliner Kremstal DAC Reserve, Fam. Proidl: Es «gänsehautet» mich immer wieder, wenn ich an die Weine von Franz und seinem Sohn Patrick Proidl denke. Denn das Kennzeichen ihrer Weine sind die knisternde Mineralik, der Tiefgang und die fast schon vibrierende Spannung am Gaumen. Das betrifft sowohl die feinrassigen Rieslinge wie auch die überaus feinen Grünen Veltliner, die allesamt aus dem hohen Norden des niederösterreichischen Kremstals stammen, genauer gesagt aus den Lagen rund um Senftenberg mit seiner romantischen Burgruine. Ich könnte auch die Weine aus der mittlerweile legendären Lage Ehrenfels als Weinerlebnis des Jahres nominieren, bleibe dieses Jahr aber doch beim Veltliner aus der Lage Pellingen. Das Jahr 2020 bescherte nach dem großartigen Jahrgang 2019 ebenfalls fulminante Weine, die sich in der Spitze zwar noch verhalten und zart zeigen, dafür am Gaumen mit bestimmendem Auftritt beeindrucken. Dieser Veltliner ist keine laute Fruchtbombe, sondern er bezirzt mit feiner Würze, ist engmaschig und druckvoll, trägt viel Energie in sich, ist beeindruckend vielschichtig und subtil. Die enorme Länge ist kaum enden wollend. Kurz zusammengefasst: Der Wein ist großartig und besitzt ein langes Reifepotenzial. 19/20 – 2046

 

2019 Grand Cruz del Calvario, Bimbache

von André Dominé

El Hierro, die kleinste Kanareninsel, hat zwar nur noch 165 Hektar Weingärten, aber 40 Prozent der einheimischen Rebsorten der Kanaren. Dieses Faktum zog Weinhändler Rayco Fernández, der als erster auf das Potenzial der Kanaren aufmerksam gemacht und 2017 mit Puro Rofe auf Lanzarote selbst ein erstes Weinprojekt initiiert hatte, wie ein Magnet an. So rief er 2018 mit dem jungen Önologen Pablo Matallana dort Bimbache ins Leben, wo sie heute auf fünf Hektar Rebparzellen zugreifen können. Neben einer weißen und roten Cuvée füllen sie einige Einzellagenweine ab, worunter dieser Weiße von einem kühlen und feuchten, auf 500 Metern Höhe gelegenem Terroir ein Geniestreich ist. Er basiert auf wurzelechten uralten, im Mischsatz gepflanzten Rebstöcken. Wunderbar vielschichtig, Curry, Schwarzbrot, Ingwer, Salzzitronen; dicht, rauchig-mineralisch, mit einer irren kristallinen Säure und schier endlosem Nachhall. Ein neues Kapitel Weingeschichte. 18.5/20 – 2040

 

Erste Reise nach Lockdown

von Michael Quentel

Nach dem langen COVID-Lockdown brachte die erste Weinreise im Mai 2021 an Mosel, Saar und Ruwer nicht nur das Gefühl von Freiheit und Lebendigkeit zurück. Es war ein pures Glücksgefühl durchs Land zu fahren, Menschen zu treffen, Gastlichkeit zu erfahren, in Restaurants und Weinbars essen und trinken zu dürfen. Eingebrannt ins vinophile Gedächtnis hat sich im Rahmen der Reise der 2019er Uhlen Roth Lay GG vom Weingut Heymann-Löwenstein. Ein Riesling wie eine Sprengung im Marmorsteinbruch. Eine Urgewalt an Kraft, Tiefe, Frische und Reinheit – so viel Energie und Kristallinität sind einzigartig. In Nase und Mund ist das karge Schiefergestein unmittelbar greifbar. Rauchige Noten von Speck, Eisenspänen, Hanf, Tabak und steiniger Erde. Ein beeindruckendes Powerhouse. Herb-saftig, mit viel Grip sowie einer kraftvollen, perfekt tragenden Säure. Die pflanzlichen Aromen bilden gemeinsam mit der intensiven, salzigen Mineralität das aromatische Rückgrat. Die gelb-grüne Frucht mit Noten von Kumquat, Grapefruit und weißem Pfirsich spielen aktuell noch im Hintergrund ihren Beitrag ein. Großer Stoff mit großer Zukunft. 19/20 2024 – 2040

 

Großer Barolo, auch an der Nordsee

von Olaf Schilling

Eine Reise ins Piemont im Sommer 2021 war mein persönliches Highlight des Jahres. So konnte ich mir einen guten Überblick über aktuelle Entwicklungen in der Region sowie über den Jahrgang 2017 verschaffen. Fast keine Niederschläge von Anfang August bis Anfang November und nur 2 Tage mit Regen Anfang September kennzeichnen diesen Extremjahrgang. Bei den Winzerbesuchen waren drei Weingüter von Anfang an gesetzt: Gaja, Nervi und Burlotto. Dazu gesellten sich Elio Altare, Alberto Burzi, Oddero, Sottimano und die Produttori del Barbaresco. Zu den besten dort getrunkenen Flaschen gehörten Beppe Rinaldis Brunate 2010 und 2016, beide locker in der 19-Punkte-Liga. Doch mein Wein-Highlight des Jahres hatte ich im Söl‘ringhof auf Sylt mit einer perfekt gelagerten Flasche 1990 Bartolo Mascarello, die sich über mehrere Stunden mit immer neuen Facetten entwickelte. Klare 20 Punkte und damit die Traumnote. Wer im Piemont auf Entdeckungsreise gehen möchte, dem empfehle ich unter anderem das «Ciau del Tornavento» in Treiso – hervorragendes Essen und eine der besten Weinkarten.

 

Rar und limitiert

von Axel Probst

Limited Edition Vintage Port

Mein Erlebnis widme ich nicht einem einzelnen Wein. Sondern einer einzigartigen Verkostung. Für das Vorwort der zweiten Auflage meines Portweinbuches habe ich alle Önologen, die einen limited-edition Vintage Port abfüllen, im Oktober 2021 auf die Quinta do Noval eingeladen und sie workshop-ähnlich mal vortragen lassen, was sie denn bei den mengenbegrenzten Portweinen anders machen. So gab es die in der Geschichte des Portweins wohl erste und bislang einzigartige Verkostung vom Quinta do Noval Nacional 2017 (mit Carlos Agrellos und Christian Seely), Taylors Vargellas Vinha Velha 2017 (David Guimaraens), Grahams The Stone Terraces 2017 (Charles Symington), Quinta do Tedo Savedra 2017 (Jorge Alves), Ferreira Vinha Velha 2016 (Luis Sottomayor), Niepoort Bioma 2017 (Daniel und Dirk Niepoort), Croft Serikos (David Guimaraens) und Quinta do Vesuvio Capela 2017 (Charles Symington). Zum Abschluss gab es dann für alle noch eine kleine Nacional- Vertikale mit 2000, 1964 und 1963. Schwer zu toppen für die nächsten Jahre für mich! (Die VKN können im WW 11/2019 nachgelesen werden).

 

Unvergessliche vergessene Sorten

von Daniela Dejnega

Champagne Tarlant BAM! Brut Nature: Ich liebe Champagner, weniger die großen Marken, sondern vielmehr die Winzerchampagner. Und da taucht immer mehr großartiger Stoff auf, wie der hedonistische BAM! von Benoît Tarlant im Vallée de la Marne. Kein Chardonnay, kein Pinot Noir, kein Meunier, sondern die fast in Vergessenheit geratenen Sorten der Champagne, nämlich Pinot Blanc, Arbanne und Petit Meslier, stecken im BAM! Gerade mal 900 Flaschen gibt es und die reiften neun Jahre und neun Monate auf der Hefe. Tarlant verzichtet sowohl auf den BSA als auch auf die Dosage. Dieses Champagner-Erlebnis präsentiert sich knochentrocken, hinreißend in seiner Vielschichtigkeit, kalkig-steinig und straff, mit cremig-feiner Perlage, kristallener Frische und saftiger Länge. 18.5/20 –2027

 

Trinkt mehr Madeira

von Sebastian Bordthäuser

1899 Terrantez D’Oliveira Frasqueira, Madeira/Portugal: Madeira ist der Dinosaurier unter den Weinen und das unkaputtbarste Getränk der Welt. Leider zählt er auch zu den unterbewertetsten Weinen – ein paar Profis feiern ihn, im Restaurant hingegen findet er bis auf Ausnahmen kaum statt. Was schade ist, denn Madeira erlaubt noch heute herausragende Erlebnisse zu vergleichsweisen Spottpreisen. Das Thema Zeit im Wein findet kaum eine bessere Bühne als in alten Madeiras und lässt auch völlig unbedarfte Konsumenten in Ehrfurcht erstarren. Das Haus D’Oliveira aus Funchal kam 2020 zu der Ansicht, dass ein paar ausgesuchte Fässer ihre Trinkreife erreicht hätten und bereit zur Abfüllung wären. Neben einem 1904er Boal und einem 1900er Moscatel wurde auch ein Fass eines 1899er Terrantez gefüllt. Beworben wurde nichts, sondern Corona-gerecht im Zeichen des Guerilla-Marketings einfach Probeflaschen an den Importeur versendet. Umgefüllt in kleine Fläschchen fand er auch den Weg an den Köln-Ehrenfelder Küchentisch. Ich tanzte zunächst in gespielter Teilnahmslosigkeit um die Flaschen herum, bis ich die Suche nach dem richtigen Anlass aufgab. Mit distinktiv grün auslaufendem Rand hebelte er mir förmlich den Kiefer aus: Das Ding pfiff wie ein Meerschwein! Getragen vom leuchtenden Säurenerv war er am Gaumen neben der spektakulären Konzentration der Aromen über die lange Reife von beeindruckender Vitalität, Lebendigkeit und einer atemberaubenden Länge, dass ich mit dem Gedanken spielte, nach so etwas Profanem wie dem Preis zu fragen. Was hinfällig war, denn er war bereits ausverkauft. Und warum? Zu Recht! Deshalb lautet mein Mantra für 2022: Trinkt mehr Madeira! 19.5/20 trinken

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