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Das große Exklusivinterview mit Thomas Duroux, CEO von Château Palmer

„Die Klassifikation ist nur ein Stück Geschichte“
Das große Exklusivinterview mit Thomas Duroux, CEO von Château Palmer

Thomas Duroux wechselte 2004 von Masseto zu Château Palmer. Seit 2008 ist man biodynamisch.Exklusivinterview von Chefredakteur Giuseppe Lauria mit Thomas Duroux, CEO bei Château Palmer, in WEINWISSERs CEO-Rubrik „Wein.Persönlichkeit des Monats“ über die Médoc-Klassifikation von 1855, Merlot am linken Ufer, Biodynamie und die aktuellen Marktentwicklungen.

Château Palmer ist zusammen mit Château Margaux der Superstar der berühmten Appellation Margaux am linken Flussufer der Region Bordeaux. Der 3ème Grand Cru Classé der offiziellen Klassifkation von 1855 hat seinen exzellenten Ruf mit legendär gewordenen Jahrgängen über mehrere Dekaden aufgebaut. Dennoch blieb ihm ein Aufstieg in die Premier Grand-Cru-Elite bisher verwehrt. Unter der Leitung von Thomas Duroux, der zuvor von 2001 bis 2004 als Winemaker bei Masseto tätig war, schreibt es seine ruhmreiche Geschichte erfolgreich weiter und neu um – als eines der ersten biodynamisch arbeitenden Gütern unter den großen Grand Cru-Châteaux.

Château Palmer profitiert von einem außergewöhnlichen Terroir in unmittelbarer Nähe der Gironde und verfügt mit rund 47 % über einen sehr hohen Anteil an Merlot, was im Médoc eher ungewöhnlich ist, zumal in den vergangenen Jahren wegen der Erderwärmung einige berühmte Châteaux ihren Anteil immer weiter reduzierten. Château Palmer begann 2008 mit der Umstellung auf die biodynamische Arbeitsweise in den Weinbergen und konnte trotz erheblicher Herausforderungen in den vergangenen Jahren mit einigen Weltklasse-Weinen brillieren. Nicht zuletzt deswegen findet es sich erstmals seit Bestehen unseres Rankings auf Platz 1 der WEINWISSER-Champions League-Tabelle. Chefredakteur Giuseppe Lauria sprach mit Thomas Duroux, dem CEO des Château, über diesen Paukenschlag, den Fluch und Segen der Biodynamie und über die aktuelle Marktlage angesichts der Covid-19-Krise.

Thomas Duroux mit Chefredakteur Giuseppe Lauria im Keller von Château Palmer
Chefredakteur Giuseppe Lauria mit Thomas Duroux im Keller von Château Palmer

Lauria: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz in unserem Best of Bordeaux-Ranking, das ja die Leistungen der vergangenen 17 Jahre abdeckt! Ein echter Coup! Ich kann mich nicht erinnern, dass die Krone nicht an einen der Premiers Crus gegangen ist. Sind Sie überrascht?

Duroux: Überrascht? Ja, sicher!!! Wir sind überaus erfreut und haben nicht damit gerechnet. Aber auf der anderen Seite ist es eine große Anerkennung für dieses wundervolle Anwesen, das von vielen Weinliebhabern als eines der verborgenen Juwelen bezeichnet wird. In den vergangenen 20 Jahren hat sich auf Château Palmer wahnsinnig viel verändert und weiterentwickelt. Und ich würde sagen, dass die Klassifizierung für viele Weinliebhaber inzwischen ein altes Thema ist.

Es wird oft gesagt, dass im Bordeaux die Klassifikation von 1855 mehr oder weniger für immer in Stein gemeisselt ist. Mit Ausnahme von Mouton Rotschild, das per Dekret von Jacques Chirac, der zu dieser Zeit Landwirtschaftsminister war, zum Premier Grand Cru Classé befördert wurde, hat sich an der Klassifikation nichts geändert. Sehen Sie dort Änderungsbedarf?

Duroux: Nicht wirklich. Diese Klassifikation ist nur ein Stück Geschichte, das für neue Weinfreaks sehr hilfreich ist. Wir alle wissen, dass es zum Beispiel ein fünftes Gewächs gibt, das so gut wie ein zweites ist, und so weiter.

Unsere TOP 100 Champions League wird jährlich dynamisch angepasst

Lauria: Sie spielen auf Pontet Canet an, das wie Palmer biodynamisch arbeitet …

Duroux: …beispielsweise, das könnte man aber weiter fortsetzen …

Lauria: … tun Sie sich keinen Zwang an, welche sehen Sie denn weiter vorne …

Duroux: … (lacht) das weiß der WEINWISSER noch viel besser, man muss sich ja nur Ihre TOP 100-Tabelle anschauen …

Lauria: Danke für die Blumen. Ja, wir erstellen Jahr für Jahr unser eigenes Ranking, das ist dynamisch und nicht in Stein gemeißelt. Ok, dann kommen wir zurück zu Palmer, das wird als Troisième eingestuft. Wird aber oft wie ein Premier Cru gehandelt. Ärgert Sie das nicht ein bisschen, dass nicht wenigstens Deuxième oder sogar Premier Grand Cru Classé auf der Flasche stehen darf?

Duroux: Wie gesagt, ich denke nicht, dass es heutzutage eine große Sache ist. Wir haben keine Klassifizierung auf unserem Etikett und glauben wirklich, dass der Markt oder eben ein solches Ranking wie im WEINWISSER auf Basis tatsächlich erbrachter Leistungen die echte Klassifizierung macht.

Lauria: Über Château Palmer hört man gerne die Geschichte, dass es sich als der günstigste Premier Cru sieht. Salopp gesagt: So gut wie ein Premier, kostet aber nur wie ein Troisième. Ist das eine Kommunikationsstrategie?

Duroux: (Lacht) Überhaupt nicht. So gut oder manchmal auch besser als ein Premier Cru ist für als Kernbotschaft ausreichend! Denn den Preis bestimmt letztendlich sowieso der Markt.

Lauria: Die vergangenen Jahrgänge zeigten ja einige klimatische Herausforderungen mit teils erheblichen Ernteverlusten, besonders für die biodynamisch arbeitenden Betrieben. Ich kann mich noch sehr gut an unser Gespräch anlässlich der Primeurs des Jahrgangs 2017 erinnern. Das waren schmerzhafte Mini-Erträge. Mal ganz ehrlich: Hatten Sie jemals Zweifel an der Umstellung auf biodynamische Arbeitsmethoden?

Duroux: Ja, 2017 war eine große Herausforderung. Zweifel ist ein Schlüssel, um neugierig und innovativ zu bleiben. Die Route, die wir gewählt haben, ist nicht die einfachste. Und ja, wir hatten schwierige Zeiten. Aber die Veränderung im Weinberg und den Qualitätssprung in unseren Weinen zu sehen, motiviert auf jeden Fall, weiterzumachen!

Lauria: Wir hatten in den vergangenen fünf Jahren immer wieder sehr heisse und trockene Jahrgänge, manchmal aber auch Jahrgänge mit starkem Regen oder spätem Frost und manchmal alles zusammen wie 2017. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie in der biodynamischen Weinbergarbeit im Hinblick auf diese launischen Wetterbedingungen? Kann die Biodynamik Vorteile gegenüber dem konventionellen Weinbau bringen?

Die tierische Weinbergsbrigade sorgt für natürlichen Dünger in den Rebzeilen

Duroux: Ja, ich denke, dass die Biodynamik ein starker Helfer ist, um den Klimawandel auszugleichen. Der wichtigste Gedanke bei der Biodynamik ist, dass unsere Böden wieder lebendig sind. Das Wurzelsystem und die Rebe selbst werden von vielen Mikroorganismen wie Mycorisa dabei unterstützt, sich an extreme Wetterbedingungen anzupassen. Ich bin nicht sicher, ob es auf Dauer ausreichen wird, insbesondere wenn die Menschheit die globale Erwärmung nicht unter Kontrolle bekommt, aber im aktuellen Stadium sehe ich in der Biodynamie einen wirklich großen Nutzen für den Weinbau.

Lauria: Ein weiteres großartiges Jahr scheint sich 2020 in den Kellern abzuzeichnen. Wie schätzen Sie das Jahr ein und gibt es bereits Vergleichsmöglichkeiten?

Duroux: Die Ernte ist nicht sehr groß, aber die Qualität rockt. Im 2020er steckt eine wunderbare Intensität und Energie. Der Ausdruck unserer verschiedenen Terroirs war 2020 sehr leicht zu lesen und die beiden Blends wurden sehr schnell entschieden. Aber ich brauche noch etwas mehr Zeit, um die Weine richtig beschreiben und vergleichen zu können.

Lauria: Während andere bekannte Schlösser am linken Ufer wie Ihr Nachbar Château Margaux in den vergangenen Jahren ihren Merlot-Anteil sukzessive reduziert haben, setzt Palmer weiterhin auf Merlot mit fast 50 % im Blend. Warum?

Duroux: Nur, weil wir das Glück haben, alte Merlots auf erstklassigen Top-Terroirs zu haben, während sich die meisten im Médoc angebauten Merlots auf eher sekundären Terroirs befinden. Merlot ist Teil unserer Identität. Und wir hoffen, dass wir trotz der globalen Erwärmung einen Weg finden, sie weiterhin als Teil unserer DNA zu schützen.

Lauria: Sie haben bei Masseto gearbeitet. Welchen wesentlichen Unterschied sehen Sie zwischen dem Merlot in Bolgheri und dem Merlot in Bordeaux (am linken Ufer)

Duroux: Die Merlots in Bolgheri sind super explosiv und überschwänglich. Unsere sind anspruchsvoller. Keine Konkurrenz, nur zwei verschiedene Stile.

Unsere alten Merlots sind extrem wichtig, um unseren eigenen Stil zu respektieren. Wenn die Cabernets ihre Finesse und Tiefe bringen, sind unsere Merlots für diese einzigartige samtige Textur verantwortlich.

Lauria: Covid-19 hat auch massive Auswirkungen auf die Weinindustrie, nicht zuletzt, weil die für den Verkauf von Premium-Bordeaux-Weinen wichtigen Primeurs nicht stattfinden konnten. Wie haben Sie dieses verrückte Jahr erlebt, an das wir uns alle erinnern werden?

Das Château ist wie ein kleines Dorf aufgebaut
Das Château ist wie ein kleines Dorf aufgebaut

Duroux: Im März letzten Jahres, als die COVID-Krise begann, war ich sehr besorgt über die Primeur-Kampagne. Ich konnte nicht glauben, dass wir unseren Kunden unsere Weine (trotz der fabelhaften Qualität des Jahrgangs 2019) anbieten können. Aber wir haben es getan, und unsere Château-Freunde auch. Und es lief ausgezeichnet. Es zeigt, wie gut die Bordeaux-Organisation etabliert ist und wie eng unsere Beziehungen zu Importeuren auf der ganzen Welt sind.

Lauria: Mit Asien ist ein sehr wichtiger Markt für Bordeaux stark zurückgegangen. Wie sehen Sie die aktuelle Situation und welche Märkte sind für Palmer wichtig?

Duroux: Die Palmer-Verteilung ist äußerst ausgewogen. 40 % Europa, 35 % Asien, 20 % Nordamerika und 5 % der Rest der Welt. Natürlich ist Asien wichtig, aber die Schwankungen werden von den anderen Märkten gut ausgeglichen. Der europäische Markt ist stabiler und da Palmer eine gut etablierte historische Marke ist, leiden wir nicht wirklich unter dem, was in Asien passiert.

Lauria: Die Bordeaux Grand Crus haben seit Jahrzehnten eine Art Alleinstellungsmerkmal im Fine Wine-Markt gehabt. Aber wir sehen in den vergangenen Dekaden immer mehr Konkurrenten aus anderen Ländern und Kontinenten, die insbesondere in Asien und anderen Schlüsselmärkten erfolgreich sind. Sehen Sie dies als Bedrohung oder als positive Herausforderung?

Duroux: Das ist eine sehr positive Sache. Wettbewerb ist der beste Weg, um unser „Savoir Faire“ weiter zu verbessern. Etwas, das der feine Bordeaux Grand Cru für immer behalten wird, ist das Gewicht seiner langen Geschichte.

Lauria: Der wirtschaftliche, soziale und politische Kontext scheint den Absatz nicht gerade zu begünstigen. Wie schätzen Sie aktuell den asiatischen Markt ein?

Duroux: Ich denke nicht, dass sich dies dramatisch ändern wird. Das Interesse an großartigen Weinen ist in Asien nach wie vor sehr groß und wird sich fortsetzen.

Lauria: Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Sehen wir angesichts der Unsicherheiten im Jahr 2021 eine weitere Preisanpassung?

Duroux: Es ist noch viel zu früh, um hier eine Einschätzung zu geben, aber das wird sicher eine ganz spannende Frage werden.

Lauria: Vielen Dank für das spannende Gespräch.

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