Crus Bourgeois: Alternativen in Bordeaux

Crus bourgeois – C’est Dallas dans le Medoc” titelte die angesehene Revue du Vin de France im Juni 2004. Damit bezog sie sich auf die 2003 erfolgte Neuklassifizierung von Weingütern, die nun das Recht erhalten sollten, den Titel Crus bourgeois auf dem Etikett zu führen. Eine Gruppe von Winzern hatte zuvor per Klage die gesamte Liste in Frage gestellt und nun ging es am linken Ufer der Gironde ähnlich hoch her wie in der berühmten US-amerikanischen TV-Serie Dallas rund um die texanische Öldynastie Ewing.

Zu den „bürgerlichen Gewächsen“, eine Stufe unter den Crus Classés, wollte das Schauspiel so gar nicht passen, legt das französische Bürgertum traditionell doch grossen Wert auf Diskretion und Etikette. Aber um viel Geld ging es hier natürlich auch: Die Preisentwicklung der Crus Classés war in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre so atemberaubend geworden, dass sich viele Konsumenten, die sich ihren gewohnten Clerc Milon, Kirwan, Lynch Bages, Léoville Barton oder Montrose in den 1980ern und frühen 1990ern noch gut leisten konnten, aus dem Markt gedrängt fühlten. War der 1995er Lynch Bages bislang für umgerechnet € 24,50  in der Subskription zu haben, der Montrose für € 27,30, so kosteten die 2000er schon € 57,25 bzw. € 69,50. Eine satte Preissteigerung also.

Die Stunde des Cru Bourgeois

Diese Entwicklung sprengte bei vielen Liebhabern erstmals das Budget. Mit russischen Oligarchen und chinesischen Hyperreichen konkurrieren zu wollen, ist wie mit einem Fiat 500 in ein Rennen der Formel I zu gehen. Also machte man sich auf die Suche: in anderen französischen Regionen, in Italien, in Spanien oder auch in Übersee. Echte „Passionnés“, kehrten allerdings, oft gelangweilt von Marmelade und Überholzung, bald wieder ins Bordelais zurück. Das war die Stunde der Crus Bourgeois, insbesondere ihrer Spitzengruppe der Exceptionnels. In den guten Jahrgängen 1995, 1996, 1998 und 2000 erfüllten insbesondere Gewächse wie Sociando Mallet, Phélan Segur, Haut Marbuzet, Chasse Spleen und Poujeaux die Hoffnungen voll und ganz. Sie waren bezahlbar und boten Qualitäten, die sich hinter „kleinen“ Crus Classés nicht zu verstecken brauchten.

Aber das Paradies zog auch Schlangen an: die Zahl der Crus Bourgeois hatte sich von 92 im Jahr 1962 über 101 im Jahr 1966 auf etwa 600 im Jahr 2002 so inflationär vermehrt, dass der Orientierungswert des Begriffs ziemlich dahin war. Als qualitätsbewusste Winzer versuchten, Abhilfe zu schaffen und 2003 nach mehrjährigen Bemühungen eine neue, gut durchdachte Klassifikation vorlegten, die zunächst auch staatliche Anerkennung fand, kam es wie es kommen musste. Unter den 243 abgelehnten Bewerbern fand sich eine Gruppe, die sich vor Gericht bestätigen liess, dass das Auswahlverfahren mit Besuchen in Weinbergen und Kellern sowie Blindproben von sechs Jahrgängen (1994–1999) nicht ganz in Ordnung gewesen war. Unter anderem hatten der 18-köpfigen Jury auch betroffene Weingutsbesitzer angehört. Das Urteil erging erst 2007 und danach begann alles wieder bei Null. Nur gab es jetzt keine Crus Bourgeois Exceptionnels mehr!

Die kleine Revolution im Bordelais

Abhilfe schaffte die Alliance des Crus Bourgeois du Médoc mit staatlicher Anerkennung erst 2009: In einem neuen Auswahlverfahren durch das unabhängige Büro „Veritas“ werden seitdem im Anschluss an eine Vorauswahl für jeden Jahrgang neu nach dem Prinzip der „Qualität im Glas“ die Güter ausgewählt, die das Prädikat Cru Bourgeois führen dürfen. Das war für das Bordelais, in dem mit der Ausnahme des Aufstiegs von Mouton Rothschild in die allererste Reihe immer noch die Klassifikation von 1855 gilt, ein revolutionärer Vorgang.

Bezahlt wurde die damit einkehrende Ruhe an der Front allerdings am Ende mit einer gewissen Aufweichung: Jährlich erhalten zwischen 240 und 270 Châteaux das Gütesiegel. Und Exceptionnels gibt es bis heute keine mehr. „Wir arbeiten daran!“, erklärt François Nony, Vize-Präsident der Alliance. Aber so etwas kann dauern. Und in der Zwischenzeit haben führende Güter wie die oben genannten auf die Bezeichnung verzichtet, weil sie nicht in einem Atemzug mit ganz unbekannten Konkurrenten genannt werden möchten, die bei Discountern nicht einmal mehr über die 5 €-Hürde kommen. Thierry Gardinier, Präsident der Alliance legte in diesem Zusammenhang sogar sein eigentlich bis 2012 dauerndes Amt nieder.

Wer aber daraus schliessen möchte, mit dem „Auszug“ seien den Crus Bourgeois die Qualitätsspitzen ganz abhanden gekommen, irrt sehr. Die Weinwelt im Bordelais ist unterhalb der preislich abgehobenen und den enormen Gewinnzuwächsen der letzten 15 Jahre teilweise in enormer Bewegung: minutiöse Bodenanalysen, Pflanzdichten bis 10.000 Reben pro Hektar, sorgfältigste Weinbergsarbeit, niedrige Erträge, rasche und präzise Umsetzung des an den Hochschulen vermittelten Know-hows, untadelige Kellertechnik, der allgegenwärtige Generationenwechsel und ehrgeizige Newcomer machen das Gebiet so spannend wie schon lange nicht mehr.

Die Crus Bourgeois sind mit Verve dabei zu zeigen, dass sie eine echte Alternative darstellen – auch für Liebhaber, die nicht aus Russland oder China kommen. Abgesehen von der Reduzierung der etwas zu hohen Gesamtzahl bleibt aber zumindest noch eine drängende Hausaufgabe: Die mit  Konstanz führenden Güter sollten auch wieder nach aussen kenntlich gemacht werden!

Verkostungsnotizen der interessantesten Cru Bourgois

Verkostet habe ich insgesamt 102 Weine vorwiegend der Jahrgänge 2011 und 2012. Hier folgen die aus meiner Sicht interessantesten mit der Bewertung nach dem 20-Punkte-System.

2010 Le Crock: Im Duft sehr fein und nuanciert, Schwarzkirsch-Aromen; am Gaumen ausdrucksvolle, elegante Frucht, Bitterschokolade, Waldbeeren und Schwarzkirsche, seidig und geschliffen. Ein aussergewöhnlicher Wein!
17+/20  –2028

2011 Cap Léon Veyrin: In der Nase ein klein wenig zurückhaltend, Aromen von Waldbeeren und Kirsche, unterlegt von feinen Holznoten und einer Spur edlem Deckblatt; am Gaumen dicht und stoffig, kraftvolle Eleganz, sehr langer Nachhall. Ein nobler Wein!
17+/20  –2023

2012 Cap Léon Veyrin: Kraftvolle Waldbeerennoten, wirkt bei aller Jugend seriös; am Gaumen intensive gebundene Frucht, Waldbeeren, Cassis, dicht und ernsthaft, schöner Stoff, sehr langer Nachhall, bemerkenswerter Anspruch ohne „Gedöns“!
17/20  2016–2023

2010 Labat: Im Duft straffe mineralische Aromen von Brombeeren und schwarzer Johannisbeere; im Mund seidig und geschliffen, ausdrucksvolle Frucht, mit etwas Bitterschokolade fein unterlegt, reife Tannine, langer Nachhall.
17/20  –2022

2011 Paloumey: Würzige kraftvolle Aromen von Waldbeeren und grüner Paprika; am Gaumen animierend,  geschmeidig und geschliffen, die Cabernet-Noten weich unterlegt, harmonisch, langer Nachhall.
17/20  –2020

2011 La Garricq: Ausdrucksvoller nuancierter Duft nach Waldbeeren und schwarze Johannisbeere, unterlegt mit einem Hauch Tabak; im Mund entwickeln sich über einem weichen, schmelzigen Grund dichte, akzentuierte Noten von Waldbeeren und Bitterschokolade, viel Spiel, sehr langer Nachhall.
17/20  –2023

2011 Cissac: Im Duft zurückhaltend, Waldbeeren und Cassis; am Gaumen relativ dicht, schöner Stoff, etwas Bitterschokolade, reife dunkle Früchte, schöner Schliff, langer Nachhall.
16+/20  2016–2023

2011 Clos du Moulin: Eigenwillige, würzige Waldbeeren und etwas Leder; am Gaumen straff und doch freigiebig, Waldbeeren und Cassis, sehr eigenständig, reife, dichte Tannine.
16+/20  –2023

2012 La Garricq: Im ausdrucksvollen Duft Waldbeeren, Pflaume, Leder und etwas Graphit; am Gaumen schöne Nuancierung, ebenfalls Waldbeeren und dunkle Noten, die Dichte und Stoffigkeit lässt auf geringe Erträge schliessen.
16+/20  2016–2022

2011 Lousteauneuf: Ausdrucksvoller Duft nach Waldbeeren; ebenso am Gaumen, dazu etwas Bitterschokolade, schöner Stoff, gut gereift mit feiner Nuancierung, hat Entwicklungspotenzial.
16+/20  –2025

2011 Magnol: Intensive mineralische Aromen von Brombeeren mit einem Hauch Waldboden; am Gaumen dicht und reif, Waldbeeren, etwas Bitterschokolade, feiner Biss, schöner Körper, langer Nachhall.
16+/20  –2021

2011 Clement Saint-Jean: Reife Waldbeeren, unterlegt mit Hauch Sattelleder und etwas Schokolade; am Gaumen relativ dicht und straff, Waldbeeren und Pflaumen, könnte ein klein wenig mehr Schmelz haben, wirkt aber in seiner Art sehr eigenständig.
16/20  –2023

2012 Clos du Moulin: Kraftvolle würzige Waldbeeren; am Gaumen dicht, erstaunlich reife Frucht, Waldbeerennoten, dabei noch relativ jung; am Gaumen stoffig und ernsthaft, Waldbeeren mit einem Hauch Cassis, recht schöner Stoff, recht langer Nachhall.
16/20 –2022

2011 D’Escurac: Leicht pflaumiger Duft unterlegt mit Leder, Waldboden und Graphit; am Gaumen kraftvolle, pflaumige Waldbeerenfrucht mit etwas Lakritze, recht langer Nachhall.
16/20  –2023

2012 D’Escurac: Kraftvolle Aromen von Pflaume und Waldbeeren, Leder, Teer und Lakritze; am Gaumen relativ reif und rund, Frucht unterlegt mit etwas Bitterschokolade.
16/20  –2020

2011 Grands Chênes: Duft nach Waldbeeren und Jod mit einem Hauch Brotrinde; am Gaumen runde Frucht, dicht und mit reifen Tanninen, schöner Körper, recht langer Nachhall.
16/20  –2022

2012 Grands Chênes: Von Waldbeeren geprägter Duft mit leichten Anklängen an Leder und Schafwolle, dicht; am Gaumen Waldbeeren und Kirschen, dicht und recht stoffig, gut eingebundene Säure, mittlerer Körper, recht langer Nachhall.
16/20

2011 Haut Breton Larigaudière: Im Duft nuanciert von Waldbeeren und Waldboden, würzig, feine Mineralität; am Gaumen straff mit fester Struktur, Waldbeeren mit leicht graphitigen Noten, dichte Tannine, recht schöner Körper, beginnt sich gerade zu öffnen.
16/20  2016–2024

2010 La Cardonne: Duft von fleischigen Kirsche-Noten geprägt; am Gaumen Kirsche und reife Heidelbeeren, elegant und recht differenziert, mittlerer Körper, recht schöner Nachhall.
16/20 –2020

2012 Lamothe Bergeron: Im Duft würzige Brombeeraromen, etwas Leder und Schafwolle; am Gaumen schokoladige Kirschfrucht mit Brombeeren, gut gereift, kräftige Tannine, relativ langer Nachhall.
16/20  –2020

2012 Le Crock: Im intensiven Duft Waldbeeren, etwas Teer und Graphit; im Mund Waldbeeren und etwas Lakritze, nicht ganz so dicht, aber recht elegant. Kann noch liegen.
16/20  –2026

2012 Lousteauneuf: Ausdrucksvolle mineralische Kirsch-Aromen, etwas Bitterschokolade; am Gaumen differenziert, stoffige Kirschfrucht, feine Würze (Petit Verdot), neues Holz noch nicht ganz integriert, sollte noch etwas liegen.
16/20  2016–2020

2012 Magnol: Aromen von Brombeeren und etwas Leder; am Gaumen für den Jahrgang erstaunlich rund und dicht, schöner Körper, reife Tannine, recht langer Nachhall.
16/20  –2020

2011 Poitevin: Differenzierte mineralische Aromen von Kirsche und Steinobst; am Gaumen straff, schöne, noch jung wirkende Frucht, feine Stoffigkeit, etwas Bitterschokolade, mittlerer Körper, recht langer Nachhall.
16/20  –2021

2012 Poitevin: Im Duft Kirsche, Brombeeren und eine Spur Leder; am Gaumen schlank aber dicht und stoffig, mit feiner Würze, recht schönem Körper und langem Nachhall.
16/20  –2022

2010 Ramafort: Im leicht fleischigen Duft Kirsche und Waldbeeren; am Gaumen recht differenziert, reif und elegant, könnte in der Mitte aber ein klein wenig dichter sein.
16/20  –2020

2011 Larose Perganson: In der Nase Waldbeeren, Lehm und Graphit mit einem Hauch Sattelleder; am Gaumen geschliffene, schmelzige Kirsch-Noten, reif und fast etwas schmeichelnd mit langem Nachhall.
16/20  –2023

2008 Tour de Pez: Im Duft süsse, leicht kandierte rote Früchte, ein Hauch Quitte; am Gaumen harmonisch und fast weich, relativ gut gereift, Brombeeren mit einer schmelzigen Spur Pflaume, unterlegt von etwas Vanille, mittlerer Körper, recht langer Nachhall.
16/20  –2018

Beitrag und Foto: Dr. Stefan Krimm


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