Renés Weintipp: Chante Cocotte – 100% Merlot, 100% Südfrankreich!

Die Region Pays d’Oc liegt, wie wohl bekannt, in Südfrankreich. Aus den rund 90.000 Hektar Reben werden jährlich 770 Millionen Flaschen produziert. Rund 1.800 Weingüter gibt es in dieser Region. Und 230 Weinbaugenossenschaften. 56 verschiedene Rebsorten werden angepflanzt. Soweit zu den Zahlen: Doch wegen der numerischen Größenordnung allein schreibe ich diese Zeilen nicht.

Denn es gibt sie auch dort, die kleinen, wenig bekannten Weingüter. Eines davon ist die Domaine Montaquoy-Sud. Schaut man sich deren Webseite an, so liefert sie vor allem viel Poetisches. Doch wie man zu dem Chante Cocotte aus 100% Merlot kam und warum er gerade im heißen Süden angepflanzt wurde, erfährt man nicht.

Verwunderlich, denn der teuerste Wein des Gutes ist gerade dieser reinsortige Merlot. Und was für einer. So gut, dass man ihn ohne Weiteres in Blindverkostungen schmuggeln könnte. Klickt man auf die spärlichen Informationen, so erfährt man, dass der einst weltbeste Sommelier Gerard Basset ihn als «vraiement excellent» beschrieben hat. Und dass ein gewisser René Gabriel dem 2010er im WeinWisser 19 von 20 Punkten attestierte.

Das ermutigte den Besitzer Régis Franc, im Übrigen auch Comic-Zeichner und Regisseur, mir die beiden neuen Jahrgänge per Post zu schicken. Mit der Bitte um einen kleinen Kommentar. Irgendwie vergass ich die Flaschen ein paar Monate lang. Respektive lagen sie dort, wo noch viele andere Flaschen bei mir irgendwo in der Kellerecke dösen, welche mit der unaufdringlichen Forderung für einen «kleinen Kommentar» auf den Korkenzieher, das Gabriel-Glas, auf den Gabriel selbst und die Laptoptastatur warten. Noch ganz knapp sieht man auf dem Titelbild auf dem Holzdeckel die Ortschaft Fontecouverte. Das Dorf befindet sich Luftlinie etwa 18 Kilometer von Narbonne und dem Meer entfernt.

Verkostungsnotizen:

2011 Chante Cocotte, Pays d’Oc: Extrem dunkles Weinrot, blutrotes Purpur. Das Bouquet zeigt Druck, liefert viel rote, süsse Beeren, ein Hauch von Konfitüre, aber auch frisch gepflückte Johannisbeeren, Melissentouch, eichige Röstnoten sowie laktische Noten, die aber zum Gesamtbild passen. Samtiger Gaumen, konzentriertes Extrakt, die gut stützende Säure sorgt für zusätzliche Länge. Das Erstaunliche an diesem Wein ist die präzise Frische. Das Finale ist nachhaltig und liefert abermals einen gewaltigen Beerencocktail. Ein grosser Wein für Blindverkostungen in dieser Rebsortenkategorie. Vom Typus her erinnert er an ganz grosse Toskana-Merlots, mit denen er es auch locker aufnehmen kann.

19/20 –2023

2012 Chante Cocotte, Pays d’Oc: Sattes Rubin mit lila Schimmer. Offenes Bouquet, viel Maulbeeren und Brombeeren liefernd im ersten Nasenansatz, er gibt sich zugänglich, also sehr kommunikativ. Im zweiten Ansatz Sandelholznoten und Gianduja-Pralinen, etwas zart Rauchiges schwingt im Untergrund mit. Eine klare Merlotansage von der Nase her. Im Gaumen zeigt er sich elegant mit einem noch feinen, leicht kernigen Nerv auf der Zunge. Zeigt dabei Gerbstoffteilchen, welche sich mit der Flaschenreife noch integrieren sollten. Die Balance ist jetzt schon da und so bietet dieser, vom Stil her mittelgewichtige Wein (stimmen die 15 Vol. % auf dem Etikett wirklich?) einen anspruchsvollen gastronomischen Genuss.

18/20 –2021

Soweit, so gut. Grossartige Bewertungen und euphorische Beschreibungen. Aber da muss es doch auch Handicaps geben… Zum einen hat der Wein grundsätzlich das Handicap, dass man keinem Merlot aus Südfrankreich eine solch grossartige Leistung zutraut. Dann kommt eine weitere, nicht unwesentliche Hürde dazu. Der Wein soll nämlich um die 65 Euro herum kosten. Und das dritte Problem: Man findet ihn praktisch nirgends! Ausser vielleicht, wenn man auf dem Weingut nachhakt: www.chantecocotte.com.

Weintipp: René Gabriel. Foto: Domaine Montaquoy-Sud

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