12 Weinfreunde: Frankfurter Herzblut

Weinliebhaber, Weinkenner, Weinfreak, Weingourmet, Wein-Connaisseur, Weingeek, Wein-Aficionado – alles zutreffende Bezeichnungen für die Mitglieder der Frankfurter Weinrunde. Seit vielen Jahren trifft man sich im Frankfurter Restaurant Estragon, in dem Inhaber und Küchenchef Eckhardt Keim mit seiner hochwertigen, französisch beeinflussten Kochkunst in unprätentiöser Atmosphäre für die kulinarische Begleitung der Verkostungen sorgt.

Dass kein Weg zu weit, kein Ziel zu fern, kein Aufwand zu gross ist, um die Gaumen mit den grossen Weinen dieser Welt zu umspülen, zeigt sich allein daran, dass Monat für Monat die 12 Mitglieder von Bayern bis Hamburg und aus dem „17. Bundesland“ Mallorca anreisen, um ihrer grossen Leidenschaft zu frönen. Dabei sein ist alles, wenn wieder 12 Flaschen verdeckt auf dem Tisch stehen. Neben ihrer Freundschaft und der Freude am gemeinsam erlebten Genuss sind es wohl auch Spiel, Spass und Spannung – oder akademischer Anspruch und Entdeckergeist –, der die Teilnehmer der Runde bis heute antreibt. Horizontale und vertikale Proben – stets gibt es ein eng umrissenes Thema. Dabei mag es als Besonderheit gelten, dass alle 12 Weinfreunde ihre Vorliebe für gereifte Gewächse und Altweine teilen, so dass nicht selten gleich mehrere Flaschen als Gold oder Platin Ager auf den Tisch gelangen.

 50 Jahre bekommen 100 Punkte

Im Oktober 2013 reiste nahezu die komplette Tafelrunde nach Mallorca, um gemeinsam in entspannter Finca-Atmosphäre den 50. Geburtstag eines ihrer Mitglieder zu feiern. Das Motto der Einladung „50 Jahre – 100 Punkte“ hätte sicherlich Ausdruck der Freude des Jubilars über ein glückliches und erfolgreiches Leben sein können, das er mit seiner wunderbaren Frau und als junger Vater geniessen kann. Doch für die Freunde der Frankfurter Weinrunde lag eine andere Botschaft in den Zeilen der Einladung: Vorfreude auf eine geburtstägliche Weinkellerplünderung. Ein kulinarisches Grossereignis mit Preziosen, von denen die meisten in der Weinliteratur mindestens einmal mit 20 bzw. 100 Punkten geadelt worden waren.

Mallorquinische Spezialitäten, frische Alba-Trüffel auf Pasta mit Bioeigelb und eine im Ganzen perfekt gegrillte Hochrippe bildeten den perfekten Rahmen für das wunderbar arrangierte Konzert grosser Weine. Dass nicht jeder dieser Weine vollends bei Stimme war und perfekt sang, dürfte genauso wenig überraschen wie die Entwicklung vice versa, dass ewige Zweite den Weinolymp erklommen.

Herzblut-Probe

Wenige Wochen später schloss sich, zurück in gewohnten Gefilden, die alljährlich wiederkehrende „Herzblut-Probe“ zur Weihnachtszeit an. Dazu stellt jeder eine ihm besonders ans Herz gewachsene Flasche Wein zur Verkostung an. Mit den meisten Trouvaillen sind persönliche Geschichten, Erinnerungen oder aussergewöhnliche Erlebnisse verbunden, so dass man an diesem Abend nicht nur den Geschichten, die der Wein zu erzählen hat, fröhlich lauscht. Fazit: gemeinsame Weinproben – stets zur Nachahmung empfohlen.

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2011 Chardonnay „Roure“, Miquel Gelabert, Pla i Llevant DO, Mallorca: Zum Auftakt ein frischer, eleganter und sehr überzeugendender lokaler mallorquinischer Wein. Klare Fruchtaromen von reifen gelben Früchten und Äpfeln, verfeinert mit Anklängen von Zitronen und Vanille. Am Gaumen ein feiner Schmelz und eine schöne Melange von frischen gelben Früchten; dicht gewoben, aber nicht schwer. Ein wenig überrascht ist man von der guten Säure und der dezent salzigen Mineralität – gemeinsam mit den Aromen vom 6-monatigen Barriqueausbau (Sahnekaramell, Crème Brûlée) ergibt sich ein komplexes und stimmiges Gesamtbild. Die dazu gereichten frisch gerösteten mallorquinischen Mandeln ergaben eine perfekte Kombination. In der Kombination klare 100 „Mallorca-Punkte“.
17/20

2009 Riesling Unendlich, F. X. Pichler, Wachau: Die Trauben für die 2009er Ausgabe des Unendlich stammen aus der Lage Dürsteiner Kellerberg, einer steilen, kargen Urgesteins-Terrassenlage mit einer Südsüdost-Exposition. Im grossen Bordeaux-Glas ausgeschenkt, offenbart der 24 Stunden zuvor geöffnete Wein bereits in der Nase seine ganze Kraft und Dichte. Ein grosser, dicht bepackter Strauss von überwiegend exotischen Fruchtaromen strömt aus dem Glas: Papayas, Mangos, reife Cherimoyas, Birnen, Aprikosen, Honigmelonen und vieles mehr. Am Gaumen ein unglaublich dichter Stoff, der muskulöse Körper und der Reichtum an Extrakt sorgen für eine wahre Aromenexplosion. Zunge, Mund, Rachen und alles, was mit dem Wein in Berührung kommt, werden belegt und man ist überwältigt von der Intensität. Boxkampf in der Schwergewichtsklasse. Ein hohes Mass an Säure und Mineralik sorgen zwar für eine gewisse Balance und eine zusätzliche Dimension, aber der hohe Alkohol brennt, insbesondere in Richtung Abgang. Trotzdem ein unglaublicher Stoff mit „unendlicher“ Länge.
18/20

1990 Barolo Cascina Francia, Giacomo Conterno, Barolo: Die feine Nase duftet komplex nach roter Frucht und rotem Früchtetee, getrockneten Blüten, Rosenblättern und einem Hauch von Liebstöckel. Am Gaumen äusserst feinsandige Tannine sowie eine wunderbare, elegante und transparent wirkende Frucht mit Noten von Orangenzesten, schwarzem Tee und ein wenig Lakritz. Die schöne Säure harmoniert perfekt mit der feinen Saftigkeit und trägt diesen herrlich harmonischen und eleganten Barolo bis in sein langes Finale. Dass er im Glas immer weiter ausbaut, mit der Zeit immer komplexer und ätherischer wird, lässt auf ein grosses Potenzial schliessen. Grosser Barolo.
18+/20

2000 Barolo Riserva Le Rocche del Falletto di Serralunga, Bruno Giacosa, Barolo: Für einen Giacosa eine recht dunkle und blickdichte Farbe. Klare, dunkle Frucht, noch sehr jugendlich, mit Anklängen von Holzkohle und Rosenblättern. Am Gaumen ein klarer und feinsaftiger Nebbiolo mit wunderbarer Konzentration und Reinheit. Die perfekt ausgereiften Tannine bilden gemeinsam mit der sehr guten Säure das Rückgrat für einen jungen, kraftvollen und trotzdem schon eleganten und ausgewogenen Barolo mit sehr guter Länge. Aktuell in einer schönen Phase, nicht zu intellektuell, sondern hedonistischer Genuss, bei dem die Hand zum Glas geht. Trotzdem grosses Potenzial.
19/20

1983 Château La Mission Haut Brion, Pessac-Léognan: Klare, intensive Nase mit viel grünem Paprika, angebrannter Paprikaschale (aus dem Backofen für Antipasti), Leder, Unterholz und Jod. Am Gaumen überraschend gut gebaut und strukturiert, immer noch saftig, mit Noten von Cassis, Tabak, Kräutern, schwarzen Oliven und eine Art Steinmehl im Abgang, mineralisch. Mittlerer bis voller Körper; kräftige, reife Tannine und eine schöne Extraktsüsse machen diesen 30 Jahre alten La Mission Haut Brion zu einem sehr guten Bordeaux, der erst jetzt zeigt, was die ganzen Jahre in ihm steckte.
17+/20

1990 Château Cos d’Estournel, St. Estèphe: Unglaublich schöne Nase, oberrattenscharfes Parfum, sehr klassisch, feinster Kaffee, Unterholz, schwarzer Tee, erdig, Teer, ein Hauch von Zwetschgenröster; intensiv und fein. Am Gaumen köstlich und elegant. Sehr klar und definiert, Blaubeer-Muffin, Mürbeteig, Kohle, Bleistift, ein Hauch von Schokolade und Marzipan; feinkörnige, polierte Tannine; tiefe und elegante Aromatik, animierend. Perfekt gereifter St. Estèphe, jetzt perfekt zu trinken, wird viele Jahre auf hohem Niveau Freude bereiten.
18+/20

1983 Château Margaux, Margaux: Erster Jahrgang von Paul Pontallier, dem heutigen Managing Director von Château Margaux. Tiefe und komplexe Nase; dunkle Beerenfrüchte, erdige und dezent rauchige Noten, feinster Tabak, Minze, Zedernholz. Am Gaumen bestätigt sich die extraordinäre Güte dieses Weins: voller Körper; tiefe, dunkle Aromatik, feinste Tabakkiste, vital und mit delikater Extraktsüsse, Bitterschokolade, feinkörnige Tannine. Die Oberfläche wirkt seidig kühl und poliert. Hochgradig elegant bis in die letzten Spitzen seines langen Finales.
19/20

2009 Château Montrose, St. Estèphe: Ein Wein mit eindrucksvollem Bukett, kühl und saftig-süsser Eindruck, Pflaumensaft, Blaubeerjoghurt, laktische Noten, konzentriert, etwas Minze. Moderner, konzentrierter Eindruck, viel polierte Tannine, hohe Reife, trotzdem sehr kühler Eindruck, wiederum Blaubeeren und Schwarze Johannisbeeren in Sahne; lila Wein, dichter Saft, im langen Abgang auch etwas Kokos. Viel hochreifes Tannin, wirkt unglaublich jung, kraftvoll und geschmeidig, ein Wein-Leopard in der frühen Pubertät. Irgendwie auch kalifornische Züge, in der Küche würde man von Bordeaux-Napa-Cross-over-Stilistik sprechen. In diesem Stadium schon ein Erlebnis, aber noch mit kindlichem Naturell und Teddy-Kulleraugen. Die Reifeprüfung liegt vor ihm, er wird beweisen müssen, ob er seine Anlagen in Typizität, Differenziertheit und Eleganz umzusetzen vermag.
19/20

1982 Château Cheval Blanc, St.-Émilion: Ein Wein der Gemüter bewegte und bewegt. Gerade in jüngeren Jahren häufig als perfekter Wein beschrieben (20 bzw. 100 Punkte), nimmt die Streuung in den letzten Jahren deutlich zu – dies allein unter Flaschenvarianzen zu subsumieren, trifft nicht den Kern der Entwicklung dieses Weines. Noch rubinroter Kern mit deutlich aufgehelltem, zinnober- bis orangerotem Rand. Das Bukett zeigt ein sehr schönes Spiel zwischen gereiften Fruchtaromen und feinwürzigen Noten. Delikate Aromatik von Waldhimbeeren, nicht ganz süssen Kirchen und edlen Hölzern. Die weiche, fast samtige Oberfläche umschmeichelt die Zunge; kraftvoll, die Rundungen sind abgeschmolzen, etwas sehniger geworden. Die perfekte Säure sorgt für ein äusserst stimmiges und harmonisches Gesamtbild. Kraftvoll, klassisch, elegant und mit hohem Genuss zu trinken, dieses Mal nicht mehr der perfekte Wein, der er einmal war – gerade im Abgang und in der Länge hat er etwas eingebüsst.
17+/20

1990 Château Cheval Blanc, St.-Émilion: Zu Beginn rauchig, sehr klar und superpräzise definiert, feinste Tabaknoten. Glockenklare und ausdrucksvolle Frucht – ein riesengrosses, buntes Pfauenrad an Aromen. Am Gaumen eine ebensolche hochnoble und verschwenderische Aromatik. Der gesamte Mund wird von der seidenen Oberfläche umschmeichelt; perfekte Konzentration und wunderbar ausgereifte Tannine. Vollkommen harmonischer Wein mit genialem Spiel von Frucht, Süsse, Säure, Tannin – kilometerlang. Richtig grosser Stoff – der sich in seiner gesamten Pracht offenbart. Gegenüber dem 82er heute deutlich überlegen – auch mit längerer Lebenserwartung.
20/20

2005 Aalto PS, Aalto Bodegas y Viñedos, Ribera del Duero: Tiefe, dunkle Farbe mit schönem Glanz. Dichte, kraftvolle und ausdrucksstarke Frucht; dunkel – mit viel Kakao und Schokoladenaromen, Mokka. Am Gaumen kühle Oberfläche, darunter generöse Frucht von dunklen Beeren, frischen Feigen, Schwarzkirschen, feinen Röstaromen und arabischen Gewürzen. Viel Extraktsüsse, laktische Noten, Milchschokolade, etwas Vanille. Es ist ein Prädikat dieses Weines, dass er trotz seiner Kraft, Fülle und Süsse so animierend wirkt, Eleganz und Trinkfluss besitzt. Sehr gute Länge!
18/20

1990 Château Pichon-Longueville Baron, Pauillac: Ein voll überzeugender 90er Pichon Baron. Superschöne Frucht; klare Cassis-Aromatik, eingebunden in edle Holznoten. Am Gaumen ziemlich kühl, mit gut gebautem Körper, saft- und kraftvoll, aromatisch komplex, fast verschwenderisch. Der Spannungsbogen reicht von feinster Creme de Cassis über edlen Tabak und Leder bis hin zu Blaubeeren (mit Sahne). Ein Schmackofatz mit Understatement; ein Beau mit Bildung und Kultur; die perfekte Mischung aus kalifornischem Sonnyboy und französischem Hochadel. Herrliche Länge.
19/20

2001 Château Rieussec, Sauternes: Strahlende, sehr klare goldgelbe Farbe. Wow, was für ein omnipotentes Wesen schwirrt einem da aus dem Glas entgegen? Lebendiger, raumfüllender Duft mit vielschichtigen Noten von exotischen Früchten, Blütenhonig, Limetten- und Orangenzesten, dazu getrocknete Aprikosen und gebratene Ananas. Deutliche Botrytis und gut eingebundene Holzaromen. Am Gaumen klar, bestens definiert und mit einer ausdrucksvollen Intensität gesegnet. Hervorragendes Spiel zwischen Säure, Süsse und Mineralität; schöne Stoffigkeit und sahnige Oberfläche. Die tiefe Aromatik mit ihrem breit angelegtem Spektrum von Aromen (Crème Brûlée, kandierte exotische Früchte, gelbes Kernobst, gezuckerte Orangenzesten, frischer Blütenhonig, Mandeltarte) animiert permanent zu riechen und zu schmecken, die Hand geht zum Glas; steht ewig am Gaumen.
19/20

1997 Darmagi, Angelo Gaja, Piemont: Die Geschichte ist so oft erzählt wie symptomatisch für den Generationenkonflikt im Weinbau. Immer wenn Giovanni Gaja am neuen, von seinem Sohn Angelo mit Cabernet Sauvignon bestockten Weinberg vorbeiging, raunzte er gut hörbar „darmagi, darmagi“ – was übersetzt so viel heisst wie „Was für ein Schande, was für eine Schande“. Der Jahrgang 1997 war im Piemont – wie in ganz Italien – ein Hitzejahrgang. Umso überraschender, wie kühl, fruchtig und immer noch vergleichsweise jung und frisch der 97er Darmagi aktuell wirkt. Dunkle, satte Nase; viel Parfum mit Noten von blauen Beerenfrüchten, Paprika und rohem Fleisch. Voller Körper, dicht, mit schönen Röstaromen, viel Kaffee, Eisen und Blut, schwarze Oliven, etwas Minze und Tabak – kraftvoll, erstaunlich kühl und frisch, animierendes Bitterle im langen Abgang. Eignet sich hervorragend als Pirat und bietet sicherlich jedem 97er Bordeaux erfolgreich die Stirn.
18/20

1986 Château Mouton Rothschild, Pauillac: Nahezu jede Verkostungsnotiz beschreibt diesen Wein als perfekten Wein und meist wird die Idealnote gezogen. An diesem Abend war er ziemlich widersprüchlich, einerseits die harte Eisenfaust in Form eines immer noch dichten, jugendlich wirkenden Tanningerüsts und einer pikanten Säure. Andererseits liegen unter den Tanninen – gut erkennbar – schöne Graphitnoten (Bleistift) und eine satte Frucht. Die Frucht hat in ihrer Aromatik an Reife bereits deutlich zugelegt und es ist fraglich, ob oder wann sie die notwendige Energie noch einmal aufbringen wird, um diesen Wein zu grösstmöglicher Harmonie zurückzuführen. Vielleicht ist er (mal wieder) in einer Verschlussphase – an diesem Abend war er einfach nicht bei Stimme oder wollte nicht singen.
17/20

1988 La Mission Haut Brion, Pessac-Léognan: Feinwürzige Nase, erdig, mit viel Kaffee- und Tabakaromen, Zigarrenkiste. Am Gaumen recht dunkel und kühl in der Aromatik; mit sehr guten Tanninen und einer perfekten Struktur gesegnet, kein Leichtgewicht, aber auch niemand für die Schwergewichtsklasse; ein grossgewachsener Gentleman – mit Schirm, Charme und Melone. Viel Understatement, mit kühler Brise, gleichzeitig wunderbar gereift. Für die volle Entwicklung seiner polierten Oberfläche braucht er Luft, baut dann im Glas wunderbar aus, um im langen Abgang mit grosser Geste abzutreten. Wird lange leben.
18/20

1994 Shafer Hillside Select: Vielschichtige Nase mit (immer) noch jugendlichem Charme und feinwürziger Süsse, Milchschokolade, Cassis, etwas Vanille und viel Minze. Am Gaumen deutlich Cabernet-lastig, kraftvoll, sehr geschliffen, immer noch jung, mit viel Substanz, einer schönen Fleischigkeit und viel Charakter. Man braucht ein wenig Zeit, um sich die Tiefe und Substanz dieses äusserst gut strukturierten Weines zu erschliessen.
18+/20

1988 Château Latour, Pauillac: Ausdrucksvolle Nase, die neben Zedernholz, Graphit und Paprika schon eine recht deutliche Reife zeigt; klassisch Pauillac. Mittlerer Körper; am Gaumen mit einem feinen Tanningerüst und einer ansprechenden Süsse. Die dezent fruchtigen Noten von roten Früchten und rotem Tee harmonieren mit den klassischen Pauillac-Aromen von Bleistift und Unterholz.
18-/20

1990 Brunello di Montalcino, Case Basse – Toskana: 2013 ist sicherlich ein ganz besonderer Jahrgang für den Godfather des traditionellen Brunello, Gianfranco Soldera. Im Dezember 2012 hatte er durch einen kriminellen Akt 10 Fässer – d. h. ca. 75 % seiner Produktion der Jahre 2006–2012 – eingebüsst. Seine Nachricht über die erfolgreiche Ernte ist nicht nur ein kraftvoller Neubeginn für die Familie Soldera, sondern auch eine überaus erfreulicher Umstand für alle Liebhaber traditionell ausgebauter Brunelli. Filigrane Nase, reichlich florale Noten, Rosen, Veilchen, ein Hauch von Trüffel. Am Gaumen ein vergleichbares Bild: feine, verspielte Aromatik; hochelegant und gleichzeitig unbekümmert und vollkommen unangestrengt. Kühl im Antrunk, dann elegant komponierte Fruchtnoten, getrocknete Tomaten, virtuoses Spiel. Hochgradig harmonisch bis in sein langes, nur ganz langsam ausklingendes Finale. Eine wunderbare Brunello-Sonate vom Sangiovese-Mozart.
19/20

1986 Dominus, Dominus Estate, Napa Valley: Das Etikett des 1986er Dominus ziert ein Bild vom amerikanischen Künstler Jim Dine. Der Gesichtsausdruck in diesem Portrait spiegelt ein wenig den Verlauf des Jahrgangs wider, denn zu lachen gab es nicht viel. Der Witterungsverlauf war durch viel Regen im Winter und im Frühjahr geprägt und der gesamte Sommer war ungewöhnlich kühl, so dass man deutlich mehr Risiko eingehen musste, um physiologisch reife Trauben zu ernten. Trotzdem schaut der Gute auf dem Bild irgendwie zufrieden drein – und das kann man mit dem Ergebnis in der Flasche durchaus auch sein. Deutliche Bordeaux-Typizität, sehr klar, kraftvoll, dicht, riesige Nase (so viel Raum gab es im ganzen Restaurant nicht, dass er ihn nicht füllen konnte). Auch am Gaumen frisch, kraftvoll und mit herrlich aromatischem Druck – schöne Frucht, dazu ein Hauch von Minze und Eukalyptus. Immer noch viel Tannin, aber wunderbar feinkörnig. Steht perfekt im Glas, baut weiter aus und besitzt eine tolle Länge.
18/20

1925 Marques de Murrieta Castillo Ygay Reserva Especial, Rioja: Zum zweiten Mal in diesem Jahr im Glas, erstmals knappe 19 Punkte, aber diese Flasche war schlicht Wein in Perfektion. Oder, wie es ein Freund am Tisch formulierte: „In die Ecke setzen, Klappe halten und geniessen.“ Besser kann man es eigentlich nicht ausdrücken, denn dieser fast 90-jährige Wein macht sprachlos, demütig und lässt sich in seiner Komplexität und Eleganz kaum beschreiben. Das Bukett ist ein Strauss voller, nein, eine Wiese voller Aromen, immer noch mit zarten Frucht- und Blütenaromen, vergleichsweise wenig Tertiäraromatik, am ehesten noch Chinarinde und Trüffel. Am Gaumen leichtfüssig, verspielt, tänzelnd. Aromatisch genauso wenig greifbar wie in der Nase, changierend, Gänseblümchen, Hibiskus, Süssholz, Chinarinde, Cola, Jasmin- und Fruchttee, stets unglaublich fein und elegant. Die Tannine sind in Resten noch vorhanden, feinste Süsse; lang!
20/20

1955 Cheval Blanc, St.-Émilion: Reife, fast verschwenderische Nase mit an Portwein erinnernder Süsse, Sanddornmarmelade. Am Gaumen immer noch ein Riese, feinster Schmelz, ausdrucksvoll, schöne Süsse, rote Früchte, Hagebutten, edelste Tabakblätter; besonders aufregend das tolle Spiel zwischen Süsse und einer zarten, an Kakao erinnernden Bitterkeit. Ein fast 60-jähriger Gold-Ager mit Charakter, Eleganz, jugendlichem Charme und der Leichtigkeit des Seins. Gänsehautstoff.
19+/20

1918 Château Cos d’Estournel, St.-Estèphe: Exotische Nase, viel Süsse, Orangenblüten. Am Gaumen noch mit zartem Schmelz, feiner Süsse und einem Hauch von Orient und 1001 Nacht, verführerisch; Früchtebrot und Marzipan. Im Angang hängt er etwas mehr an der Säure. 95 Jahre und kein bisschen müde.
18/20

Beitrag und Foto: Michael Quentel

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