Rheingau Gourmet Festival: 20 Jahre kulinarische Oper

Es gibt Momente im Leben, da läuft einem schon beim Lesen sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammen. So geht es mir regelmässig, wenn ich den Katalog des Rheingau Gourmet Festival durchblättere. Immer wieder frage ich mich erstaunt, wie es Hausherr und Festival-Chef Hans B. Ullrich nur schafft, Jahr für Jahr ein solches Ensemble an internationalen Stars aus der weitläufigen Wein- und Gourmetwelt in sein Hattenheimer Kronenschlösschen zu locken.

Seit 20 Jahren treffen sich hier Spitzenköche und Spitzenwinzer von Weltruf, um rund zwei Wochen lang ihr grosses Können zu zeigen. Da kommen delikate Speisen wie Kunstwerke auf den Teller, um mit erlesenen Weinen von Weltruf zur Vollendung gebracht zu werden. Jede einzelne Veranstaltung ist ein Genuss-Erlebnis.

Schon die Welcome-Party in der einzigartigen Atmosphäre von Kloster Eberbach ist ein Highlight: 10 Spitzenköche, die meisten mit ein oder – wie im Falle von Tim Raue und US-Koch Cal Stamenov – mit zwei Michelin-Sternen dekoriert, und 30 Spitzenwinzer überwiegend aus dem Rheingau eröffneten jetzt die 20. Ausgabe der wohl in dieser Form weltweit einzigartigen Genuss-Parade.

Top-Highlight: Weltraritätendinner

Zu den Highlights gehört das Weltraritätendinner im Kronenschlösschen: Der exklusive Klassiker des Rheingau Gourmet Festivals bringt die alleredelsten Gewächse auf den Tisch. Weine von Weltruf. Auch die Heimat ist dabei: Raritäten aus der berühmten Schatzkammer von Kloster Eberbach im Rheingau. Zurück bis 1936, versteht sich. Kein Wunder also, dass dieses Gala-Dinner „die stets am schnellsten ausverkaufte Veranstaltung ist“, wie Hausherr und Festival-Chef Hans B. Ullrich stolz berichtet.

2016 war dies einmal mehr ein denkwürdiger Abend. Fulminante Weine, die von einem köstlichen Menü von Simon Stirnal vom Kronenschlösschen und der Niederländerin Margot Janse aus dem berühmten Restaurant Tasting Room im südafrikanischen Franschhoek gekrönt wurden.

Schon die Raritäten aus dem schier unerschöpflich scheinenden Fundus von Kloster Eberbach sind immer spannende Zeitreisen im Glas (u.a. 1936, 1937, 1938, 1942, 1946). Dabei sind die Gewächse aus der klösterlichen Schatzkammer stets für eine Sensation gut. Erneut war es ein Assmannshäuser Höllenberg, der Begeisterung auslöste. Im letzten Jahr war es der 1945er, diesmal der 1946er: Ein finessenreicher Spätburgunder, der mit seinem aparten Bouquet und der speckigen Würze an einen Hermitage-Wein der nördlichen Rhône erinnert.

Extrem spannend war der Vergleich zwischen den eher etwas üppig-konzentrierten Spaniern wie dem 2003 Pingus, Contador, Benjamin Romeo und El Nido, mit den eleganten, grossen Klassikern aus dem Bordeaux. Moderne traf auf Klassik. In diesem Fall auf zwei sagenhafte, stilistisch unterschiedliche 1er Grand Crus Classés: dem femininen, sublim-eleganten Château Margaux und dem nahezu perfekt balancierten Latour, der wie eine gotische Kirche im Glas stand, zeitlos und von grosser Erhabenheit. Zwischendurch gab es ein aparten Lafleur mit expressiver (100%) Cabernet Franc-Würze, der durchaus kontrovers diskutiert wurde.

Grosse Klasse zeigten auch die drei Kult-Kalifornier Dominus, Opus One und Caymus, die insgesamt „kühler“ und im Stil „europäischer“ wirkten als die Spanier. Stilistisch waren sie den Franzosen viel näher als den Spaniern. Möglicherweise ein Grund, warum sie häufig in berühmten Blindverkostungen von den besten Bordeaux-Weinen kaum zu unterscheiden sind. Hier konnten sie nicht ganz mit den beiden Premier Crus mithalten.

Am Ende des kulinarischen Abends mit vielen Delikatessen aus Küche und Keller wurde zum köstlichen Dessert  ein als Kugel präsentierter Kuchen aus Macadamia und Kokosnuss, der mit Baobab beträufelt war  eine wunderbar passende Spätburgunder Weißherbst Beerenauslese aus dem 2003er Assmannshäuser Höllenberg gereicht.

Eine Auswahl der Rheingau-Raritäten

1946 Eltviller Taubenberg, Riesling Cabinet: Mittleres Bernstein. Das Nasenbild ist geprägt von rauchig-herbstlichen Aromen, Karamell und nussigen Anklängen. Im Mund ein lebendiger Wein mit schönem Säurebogen, noch immer recht straff gewoben, schöner Auftakt in den 46er Flight.
16/20 –2022

Rauenthaler Steinhaufen, Riesling Cabinet: Mittleres Bernstein. Im Duft dominieren auch hier rauchig-erdige Anklänge mit einem Hauch Karamell und Pfeffer. Im Mund zeigt sich ein schöner Schmelz, der von  einer präsenten Säurestruktur und einer noch süßlichen Frucht getragen wird.
16.5/20 –2023

Rauenthaler Baiken, Riesling Cabinet: Kräftiges Goldgelb. Schon in der Farbe zeigt sich die höhere Reife. Immerhin mit 100 Grad Oechsle gelesen, was heute einer trockenen Auslese (beziehungsweise: „Grosses Gewächs“) entsprechen würde. Schönes ausladendes Bouquet mit Anklängen an gedörrtes Obst, ein Hauch Honig und wieder rauchig-erdige Anklänge, die an feuchte Erde erinnern. Im Mund ist er wunderbar ausgewogen und mit gutem Schmelz ausgestattet. Die pikante, sehr nuancierte Säure begleitet ihn wie ein Violinkonzert zum finessenreichen Abgang. Wird sicher noch einige Jahre diesen Genuss bieten.
18/20 –2026

Rüdesheimer Berg Rottland: Helles Bernstein. Im Bouquet wirkt er puristisch. Er ist kühl und von klarer Transparenz. Mineralische Noten steigen mit Luft auf. Am Gaumen ist er sehr fokussiert und klar, eher puristisch als schmelzig, mit einer pikanten Säure, die zupackt. Mit Luft deutlich besser werdend.
17.5/20 –2022

Den ausführlichen Beitrag über das 20. Rheingau Gourmet Festival mit weiteren Verkostungsnotizen und Bewertungen finden Sie demnächst in der gedruckten Ausgabe des WEINWISSER.

Beitrag und Foto: Giuseppe Lauria


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