Der Hype um die Grossen Gewächse

Mit grosser Spannung erwartet die Weinwelt jedes Jahr aufs Neue den 1. September. Es ist der Tag, an dem die Grossen Gewächse des Verbandes der Prädikatsweingüter (VDP), die sogenannten deutschen „Grand Crus“, auf den Markt kommen.  Zuvor lädt der Verband die internationale Presse und Fachverkoster zur Vorverkostung ein. Anbei ein paar erste Eindrücke und Ergebnisse von der seit Jahren ausgezeichnet organisierten Vorpremiere VDP. Grosses Gewächs in Wiesbaden: WEINWISSER war alle drei Tage dabei und hat ausführlich verkostet. Die Ergebnisse des dreitätigen Verkostungsmarathons mit dem ausführlichen Bericht und Verkostungsnotizen lesen Sie in der nächsten, Ende September erscheinenden Ausgabe. Hier aber vorab eine erste Einschätzung.

Allgemein gesprochen kann man vielerorts in der Spitze (!) von einem aussergewöhnlich guten bis ausgezeichneten Jahrgang sprechen, bei dem die Winzer unter anderem mit Trockenstress, Botrytis und der Herausforderung teils (sehr) hoher Alkoholausbeute zu kämpfen hatten. Ob es ein Jahrhundertjahrgang ist, wie von einigen schon voreilig kolportiert, muss wohl erst die Zukunft zeigen. Ich bin da zurückhaltender. Dazu ist er in vielen Regionen und auch in der Sortimentsbreite viel zu heterogen. Manche dürften auch etwas früher gelesen haben, was zwar schlanke, aber auch gerbstoffreiche Weine hervorbrachte. Aber insgesamt ist 2015 ohne Zweifel einer der grösseren und auch früh zugänglichen Jahrgänge. Vieles passte gut zusammen. Es gibt zahlreiche ausgezeichnete Weine, davon einige wirklich grosse Grand Crus, die das Zeug haben, in die Historie einzugehen. Etwas salopp könnte man sagen: kein Jahrhundertjahrgang, aber ein Jahrgang mit einigen Weltklasse-Weinen. Und ein Jahrgang, bei dem das Terroir viel besser zur Geltung kommt. Und genau darum soll es ja bei den „Grand Crus“ gehen:  Schmeckbare Lagen- und Herkunftstypizität. Das sollte ein Grosses Gewächs auszeichnen. Und von einem bloss gut gemachten Wein unterscheiden. Diese Trennschärfe ist bei einigen Weinen nicht so klar. Sonst liesse sich auch der deutlich höhere Preis hierfür kaum rechtfertigen – und vermutlich auf Dauer am Markt auch nicht durchsetzen.

Besonders herausragend zeigten sich die Ergebnisse unter anderem an der Mosel, wo es selten so viele starke GGs zu verkosten gab und eine erfreuliche Rückkehr zu einem trinkanimierenden (und weniger fetten und barocken) Stil festzustellen war – vor allem bei Heymann-Löwenstein und Clemens Busch. Schloss Lieser und Fritz Haag präsentierten ebenfalls starke vom Schiefer geprägte Rieslinge. Die Saar-Weine zeigten  sich noch homogener als die Mosel selbst. Hier ragten neben den bekannten Namen wie Van Volxem (mit einem hervorragenden Scharzhofberger) und Nik Weis – St. Urbanshof vor allem das Weingut Lauer mit zwei extrem präzisen Rieslingen heraus, die allesamt zur Gebietsspitze zählen.

Neben der Mosel stach wieder einmal Franken hervor, wo die individuellen Silvaner (und Rieslinge) von Weltner (Küchenmeister Hoheleite), Luckert (Maustal) sowie Rudolf May (beide Silvaner-GGs von herausragender Güte) – jeder mit seinem eigenen Stil – starke Akzente setzen konnten. Diese Sorte gewinnt immer mehr an grossartiger Eleganz und Finesse. Bei den Rieslingen und Pinots überzeugte zudem einmal mehr Fürst mit seinem finessenreichen Stil, aber auch Luckert und Weltner sind hier ganz vorne dabei.

An der Nahe brillierten die „Big-Five“ (Diel, Dönnhoff, Schäfer-Fröhlich, Emrich-Schönleber und Gut Hermannsberg) – mit bekanntermaßen unterschiedlichen Stilen: Diel mit drei souveränen sich gut unterscheidenden GGs mit klaren Lagenprofilen, was auch für Dönnhoff und Emrich-Schönleber mit gewohnt starken Rieslingen gilt. Bei Letzterem ragt einmal mehr der vom blauen Schiefer und Quarzit geprägte Halenberg heraus, der mit seiner gotischen Struktur wie eine Eins im Glas steht. Beim Gut Hermannsberg gewinnen die Weine mit ihrer rassig-kühlen und zupackenden (und leicht phenolischen) Art immer mehr an Profil und Charakter. Von Tim Fröhlichs bärenstarker Kollektion ist der Felseneck ein Wein, der sicherlich zu den besten GGs des Jahres gehört. Ein präziser definierter Cool-Climate-Riesling. Messerscharf wie der berühmte Ritt auf der Rasierklinge: seidig, druckvoll, eigenständig – inklusive der wilden Sponti-Noten, die wohl nur Tim Fröhlich so perfekt beherrscht. Überhaupt hat er eine atemberaubende, über die GGs hinausgehende (edelsüsse) Kollektion in 2015 gemacht.

 

VDP.Grosses Gewächs 2015. Rheingau Spezial:

Im Rheingau gab es jede Menge Licht und ein wenig Schatten. Aber der Reihe nach: Dort konnte vor allem Spreitzer eine sehr geschlossene Gesamtleistung mit drei starken GGs abliefern. Vor allem der erdig-mineralische Wisselbrunnen mit seinem großen Trinkfluss gehört zur Gebietsspitze und ist der beste seit Jahren aus dieser Lage. Das gilt auch für Oetingers Marcobrunn: Trotz der 13.5% Alkohol wirkt der Wein erhaben, in sich ruhend, Noblesse ausstrahlend. Dass der letztjährige „Winzer des Jahres“ Kühn mit den vorgestellten 2014ern grosse Weine im Keller hatte, zeichnete sich schon bei den letztjährigen Fassproben ab: Das sind große, individuelle Weinmonumente. Weils Gräfenberg und der Silberlack von Schloss Johannisberg zeigen noble, in sich ruhende Ansätze und verkosten sich nochmal besser als zwei Wochen davor. Sie brauchen Zeit – und Luft! Im Rheingau zeigten sich überhaupt drei Welten: Die Weine aus dem Rüdesheimer Berg brillierten fast durchgängig – Leitz allen voran, aber auch die von Künstler (Berg Schlossberg), Kesseler und Allendorf. Kloster Eberbach präsentierte gegenüber den Vorjahren stärker ausfallende GGs.

Im mittleren Rheingau, der es insgesamt etwas schwerer hatte, muss man stärker selektieren. Hier profitierten die Brunnen- und Berglagen: Barths Wisselbrunnen und noch mehr der Schönhell sind Weine, mit denen man sich beschäftigen muss: straff, dicht gewoben, zupackend mit zart phenolischer Textur. Prinz zeigte zwar wieder sehr klare Rieslinge, allerdings deutlich höher im Restzucker als zuletzt. Das nimmt den Rieslingen ein wenig die mineralische Spannung.

In Hochheim waren die Weine natürlich jahrgangsbedingt noch etwas kräftiger, als es schon in normalen Jahren der Fall ist. Das merkt man schon an der Weiß Erd – einem auf Kalkmergel gewachsenen und normalerweise auch mineralisch-zupackendem Riesling. Ein sehr guter Wein, dem man im Abgang aber ein wenig die „warmen“ Noten anmerkt. Kirchenstück, auch dieser ein regelmäßig eher femininer Wein, zeigt die Power des Jahrgangs. Das findet sicherlich seine Freunde, ist aber eben anders als sonst, eben nicht so finessenreich. Die „Hölle“, könnte man sagen, steckt das Feuer besser weg. Sie präsentiert sich als ein Kraftpaket in Samthandschuhen, ohne aber ihre gewohnte Tiefgründigkeit missen zu lassen. Ein wie so oft grosser Blue-Chip-Wein, wie es in diesem Jahr erfreulich viele gibt – ganz ohne Hype.

In Rheinhessen gab es in der Spitze eine Reihe an Weltklasse-Weinen. Hier erwischte Klaus-Peter Keller einen Top-Jahrgang, aber auch Wittmann, Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot haben Herausragendes auf die Flasche gebracht. In der Pfalz war es ein sehr gutes Jahr für Rieslinge, vor allem in der Südpfalz.

Unsere Sonderausgabe zu den GGs mit ausführlichen Verkostungsnotizen folgt Anfang Oktober. Soviel vorab: Wir haben 15 mal die herausragende Note von 19/20 vergeben. Zudem berichten wir über unsere Stippvisiten bei Klaus-Peter Keller und Tim Fröhlich – beide mit Traumjahrgängen.

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